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Erzählung: Der Geist von Alster - Autor Anatoliy Kavun


    Menschen… Städte… Ihre Schicksale sind untrennbar miteinander verbunden. Doch jedes von ihnen hinterlässt seine eigenen Spuren an den Ufern des unendlichen Flusses der Zeit.

    Manche Menschen können dem reißenden Strom des Lebens nicht standhalten und geben sich willenlos der Strömung hin. Andere hingegen begegnen allen Schicksalsschlägen mit Standhaftigkeit. Die einen wagen sich aufs Meer hinaus, kehren jedoch schon nach der ersten schwachen Welle zurück. Andere wiederum blicken selbst dem stärksten Sturm mutig ins Auge!

    So ist es auch mit den Städten. Die Geschichte hat über einige entschieden, dass sie für immer in Vergessenheit geraten sollen. Andere hingegen sind so groß, dass sie selbst Geschichte schreiben.

    Und wenn Sie schon einmal in einer solchen Stadt gewesen sind, dann wissen Sie, dass man manchmal - wenn man abends spazieren geht und das Licht der Laternen Schatten auf die alten Mauern wirft - Dinge sehen kann, die den scharfen Augen von Dokumentarfilmern und Historikern verborgen bleiben. Etwas, das man selbst in längst vergessenen Legenden nie mehr hören wird. Doch genau das hat diese Städte letztlich zu dem gemacht, was sie heute sind…

    Nehmen Sie sich Zeit - und vielleicht erfahren Sie etwas über diejenigen, deren Herzen und Seelen in den alten Steinen, Bäumen und in den Augen ihrer alten Bewohner weiterleben…


Der Geist der Alster

Diese Erzählung handelt von einer ruhmreichen und freien Hansestadt. Von einer Stadt, deren Geschichte seit jeher voller Geheimnisse und Rätsel ist. Von einer Stadt, die Ihnen ihre Geheimnisse nur dann offenbart, wenn Sie ihr Ihr Herz öffnen. Von einer Stadt, deren Stimmen der Vergangenheit im Ruf der Möwen widerhallen, die über ihr kreisen, im Knarren der alten Taue im Hafen, im Wind, der durch die Kanäle streift… Von einer Stadt mit Menschen, die den rauen und freien Charakter ihrer Vorfahren bewahren und zugleich die Güte unserer Zeitgenossen besitzen… Von einer Stadt, in der jeder Mensch ein Stück seines Zuhauses finden kann.

Ich bin mir sicher, Sie haben sie erkannt - und damit ist es an der Zeit, Ihnen eine Geschichte zu erzählen, die zwei Epochen miteinander verbindet. Eine Geschichte, die einst Teil dieser Stadt wurde. Eine Geschichte, deren Nachhall Sie im Herzen jedes einzelnen ihrer Bewohner finden können.

Vielleicht sind Sie schon oft an den Orten vorbeigegangen, an denen die Spuren dieser Ereignisse noch immer bewahrt werden. Und heute, indem Sie diese Zeilen lesen, werden Sie erkennen, wie viel Unbekanntes noch immer in unserer Nähe liegt!

Also - beginnen wir!

BEGEGNUNG

Zum ersten Mal sah ich sie an einem Abend an der Alster, es regnete gerade. Wahrscheinlich hätte ich, wäre es nicht der Regen gewesen, kaum auf die einsam stehende junge Frau geachtet. Im dichten Strom der nach Hause eilenden oder joggenden Stadtbewohner wäre sie einfach unbemerkt verschwunden. Doch in diesem Augenblick, als der Regen das Ufer des Sees leergefegt hatte, waren wir dort ganz allein.

Ich stand unter meinem Schirm, und sie… sie blickte ungerührt auf den See, als wäre draußen kein Regen, sondern ein klarer, sonniger Tag. Und obwohl ich normalerweise kaum auf die Welt um mich herum achte, war diesmal alles aus irgendeinem Grund ganz anders.

Etwas hielt mich zurück. Der Drang, auf die einsam stehende junge Frau zuzugehen, war meinem gewohnten Verhalten völlig fremd. Doch indem ich mir einredete, ich wolle ihr nur helfen, dem Regen zu trotzen, rang ich damit, nicht wahrzunehmen, dass mich meine Gefühle leiteten. Aber sie strömten wie ein Fluss, der nach starkem Regen über die Ufer tritt - mit reißender Gewalt trugen sie mich wie ein Stück Treibholz zu dieser einsam stehenden Gestalt.

Ich ging hinüber, stellte mich ganz nah neben sie und tat so, als würde ich ebenfalls den Regen bewundern. Mein Regenschirm schirmte uns beide ganz beiläufig vor dem Unwetter ab.

Und sie... Ohne mich zu beachten, schaute sie weiter in die Ferne, über den See. Trotz des Regenschirms, der sie vor dem Regen schützte, glitten immer noch Regenwassertropfen von ihrem nassen Haar über ihr wunderschönes Gesicht. Ihr Blick... Er war irgendwie von besonderer Art. Allerdings muss ich da zuerst ein paar Worte über mich selbst verlieren…

Ich besuche sehr gerne Kunstgalerien. Und gerade der Versuch der Künstler, den Blick ihrer Figuren einzufangen, fasziniert mich am meisten. Die Augen, der Blick - sie formen meine Vorstellung von den Menschen auf den Gemälden aus der fernen Vergangenheit: von ihren Gedanken, Wünschen und Bestrebungen. Manchmal scheint es mir, dass gerade der Blick die Grundlage der meisten Werke von Porträtmalern bildet - und alles andere lediglich das ist, was ihn ergänzt…

Und jetzt, als ich sie ansah, hatte ich das Gefühl, dass ihr eine Tiefe innewohnte, die man sonst eher nur bei älteren Menschen wahrnimmt, niemals jedoch in einem so jungen Gesicht…

Ich ertappte mich bei dem Gedanken: Wie alt ist sie? Fünfundzwanzig? Dreißig? Mehr? So sehr ich sie auch musterte, ich konnte mich für keine dieser Möglichkeiten entscheiden.

Der Regen begann langsam nachzulassen. Und obwohl sie mich völlig unbeachtet ließ, beschloss ich dennoch, die peinliche Pause zu durchbrechen. Mit schüchterner Stimme fragte ich, ob ich ihr behilflich sein könne. Im nächstenAugenblick wich ihr regungsloser Blick einem Ausdruck der Verwirrung. Sie zuckte so heftig zusammen, als hätte ich nicht schon seit einer Weile neben ihr gestanden, sondern wäre ihr plötzlich aus einer dunklen Gasse entgegengetreten. Von einem unerklärlichen Schrecken erfasst, wich sie vor mir zurück und trat aus dem Schutz des Regenschirms heraus…

„Wer sind Sie?“ - das waren die ersten Worte, die ich von ihr vernahm…

Eine schöne Stimme, leicht vor Angst zitternd… In meinem Kopf tat sich ein Dilemma auf. Vor ihr unter dem Regenschirm zu stehen und sie - obwohl der Regen bereits nachgelassen hatte - weiter nass werden zu lassen, fühlte sich falsch an. Doch ihr nach ihrer ersten Reaktion erneut näherzukommen, schien ebenso wenig die richtige Entscheidung zu sein. Offenbar erkannte mein Unterbewusstsein meine Ratlosigkeit und traf die Entscheidung für mich… Ich reichte ihr den Regenschirm und bot ihr einen Tausch an: Sie nimmt ihn - und ich beantworte ihre Frage: „Wer bin ich?“

Ich hielt den Regenschirm mit ausgestrecktem Arm, während sie reglos wie eine Statue dastand und mich weiterhin mit ihren schönen, aber verängstigten Augen fixierte. Eine Weile verharrten wir so: ich mit dem ausgestreckten Regenschirm,sie mit gesenkten Händen und einem durchdringenden Blick. Und obwohl mir mein Verstand zahlreiche mögliche Reaktionen nahelegte, war mir klar, dass es im Moment das Beste war, einfach zu schweigen. Ich weiß nicht einmal, wie lange dieses befremdliche Schweigen anhielt. Schließlich hob sie überrascht die Hand und blickte auf die Regentropfen, die auf sie fielen - so, als würde sie sie zum ersten Mal in ihrem Leben sehen…

Als ihr Blick wieder auf mich fiel, sah ich, wie die alles beherrschende Verwirrung langsam einem zaghaften Erstaunenwich. Noch ein wenig Geduld - und ihre Neugier siegte endgültig… Ich spürte förmlich in ihrem Blick diesen Wasserfall von Emotionen, der jeden Moment in einem reißenden Strom auszubrechen drohte. Doch all das spielte sich nur in der Tiefe ihrer Augen ab. Ihr regungsloses, gefrorenes Gesicht verriet nichts von dem, was in ihr vorging.

Doch Geduld wird stets belohnt, und der lang ersehnte Wendepunkt trat schließlich ein. Sie streckte die Hand aus und nahm den von mir angebotenen Regenschirm. Nun stand ich im Regen, doch wie sie zuvor nahm ich ihn kaum wahr.

Haben Sie das schon einmal erlebt, dass Sie etwas tun wollen, sich aber fürchten? Dass Sie glauben, einfach die Augen schließen und einen Schritt nach vorne machen zu können, und trotzdem noch Angst haben?

Während meine Gedanken zwischen dem, was ich sagen oder tun könnte, hin und her wogen, übernahmen unsere Blicke die Entscheidung für uns… Von außen hätte es so aussehen können, als sähen wir uns einfach nur an. Doch in Wirklichkeit schienen unsere Gedanken zu verschmelzen, und unsere schnell schlagenden Herzen fanden ihren gemeinsamen Rhythmus.

Diese unsichtbare, aber sehr starke Verbindung brachte uns einander näher. Wir standen nun wieder zusammen unter dem Regenschirm - diesmal jedoch nicht nebeneinander, Schulter an Schulter, wie damals, als ich gerade zu ihr gekommen war. Jetzt standen wir einander gegenüber.

Nur ihre Hand, die den Schirm hielt und in diesem Moment an meiner Brust lag, trennte uns. Ich stand neben ihr und spürte, wie sie zitterte. Ob vor Kälte oder vor Aufregung - ich wusste es nicht. Doch ihr leises Zittern - aber, vielleicht auch mein Wunsch, ihr beim Halten des Schirms zu helfen oder sie sogar zu wärmen - ließ mich unwillkürlich meine Hand heben, um ihre Hand zu berühren…

Aber sobald sich unsere Hände berührten, hatte ich das Gefühl, dass die Welt um uns herum stillstand... Wir standen nur einen Atemzug, einen Herzschlag voneinander entfernt, aber wir atmeten nicht und unsere Herzen schienen nicht mehr zu schlagen. Selbst die Regentropfen schienen in ihrem rasanten Sturz zur Erde erstarrt zu sein.

Dieser Moment, in dem das Universum innehielt, dauerte nur einen Augenblick. Und nun regnet es schon wieder, aber nicht mehr wie zuvor... Der Regen verwandelte sich in einen Strom. Einen Strom, in dem ich zu ertrinken begann. Obwohl es kein Wasser mehr war... Ich ertrank in einem unendlichen, mir unbegreiflichen Strom von Zeit und fremden Erinnerungen. Als würden Scherben zerbrochener Spiegel an mir vorbeirauschen: die Hoffnungen und Sehnsüchte anderer Menschen, unerträglicher Schmerz und Verzweiflung... Und irgendwo weit in der Ferne — durch die Schichten all dieser Ereignisse hindurch — war sie es, die mich ansah. In ihrem Blick spürte ich eine so lähmende Einsamkeit, dass ich kaum atmen konnte.

Ich versuchte, Luft zu holen, doch ich konnte es nicht… Und in dem Moment, als der Strom um mich herum dunkler wurde und ich fühlte, wie mir das Bewusstsein endgültig entgleitet, streckte sie mir ihre Hand entgegen, und ich hörte ihre Stimme: »Du hast es versprochen!«

- DU HAST ES VERSPROCHEN! - Ihre beharrliche Stimme riss mich aus dem Abgrund der Bewusstlosigkeit heraus.Immer noch nach Atem ringend, sog ich die Luft tief in meine leeren Lungen und begriff, dass wir nach wie vornebeneinanderstanden. Ihre Augen, nur wenige Zentimeter von mir entfernt, blickten mich weiterhin neugierig an - als wäre all das, was ich gerade gesehen hatte, in Wirklichkeit gar nicht geschehen, sondern nur ein flüchtiges Gespinst meiner Fantasie…

Ich klammerte mich an diesen Blick wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm, und aus Angst, erneut in die Abgründe meines Unterbewusstseins hinabzustürzen, murmelte ihr entgegen: „Was habe ich versprochen?“

Nach der emotionalen Apokalypse, die ich gerade erlebt hatte, war mein Geist nicht in der Lage, etwas Vernünftigeres hervorzubringen.

- Du hast versprochen, von dir zu erzählen, - erwiderte sie und lächelte mich zum ersten Mal leicht mit den Augenwinkeln an. Um ihre Worte zu bekräftigen, stieß sie mich sogar leicht mit der Hand, in der sie den Regenschirm hielt, gegen die Brust, als wollte sie mich aufwecken und aus meiner Benommenheit reißen. Ich merkte, dass sie nicht mitbekommen hatte, was ich empfand, als ich ihre Hand berührte.

Kennen Sie das - wenn man im Traum versucht, sich zu zwicken, um zu verstehen, ob es ein Traum ist oder nicht?

Ihr Stoß half mir eben zu begreifen, wo ich war, wer ich bin, und riss mich endgültig aus meinem Zustand tiefer innerer Lähmung heraus. Ich sah sie an und hatte das Gefühl, sie zu kennen. Als hätte ich sie mein ganzes Leben lang gesucht und nun endlich gefunden. Als hätten wir bereits ein ganzes Leben miteinander verbracht und uns für einen Moment aus den Augen verloren. Etwas Unerklärliches verband uns…

Aber ich konnte mir selbst nicht beantworten, was es war. Und so begann ich einfach zu erzählen… Ich erzählte viel und ohne anzuhalten, damit meine Gedanken mich nicht zurückziehen konnten.

Ich erzählte, wo ich geboren wurde und dass ich meine Eltern früh verloren hatte. Dass mein Großvater mich großgezogen, mir eine Ausbildung gegeben und mich in das Familiengeschäft eingeführt hatte… Ich erzählte, dass ich seit meiner Kindheit eine leidenschaftliche Liebe zur Musik habe, dass ich das Konservatorium absolviert habe und manchmal nur so, für die Seele spiele und sogar auftrete - nicht wegen des Geldes, sondern aus Liebe zur Musik. Ich erzählte von meiner weiteren, historischen Ausbildung, die ich angesichts unseres familiären Antiquitätengeschäfts erworben hatte. Ich sprach über meine Liebe zu Gemälden und zu Dingen, die in sich eine Geschichte bewahren.

Die Worte strömten unaufhaltsam aus mir heraus. Und ja, ich wollte gar nicht damit aufhören. Sie lauschte meinen Worten wie ein Wanderer, der nach einer Ewigkeit in der Wüste endlich einen Brunnen fände und sich daran nicht sattzutrinken vermöchte… Und ich ließ sie trinken…

Gleichzeitig beschlich mich das Gefühl, sie würde in dem Augenblick entschwinden, in dem ich zu erzählen aufhörte - und dass ich sie dann nie wiedersehen würde. Ich erzählte sogar, dass ich zum ersten Mal eine junge Frau aus solcher Nähe erlebte, wie ich es sonst nur von Gestalten auf den Gemälden kannte.

Nicht nur der Regen, sondern auch die letzten Passanten und selbst die Autos waren längst mit seinen letzten Tropfen verschwunden. Die Nacht hüllte die Stadt ein, und wir standen uns so gegenüber und wagten nicht, die Hände loszulassen. Als würde sonst alles verschwinden.

„Ich würde dich gern einmal spielen hören“, sagte sie nachdenklich. „Warum nicht? Wir können es gleich jetzt tun. Hier in der Nähe gibt es mein Lieblingshotel, ich spiele dort oft. Komm mit mir dorthin“, antwortete ich. „Ich kann nicht“, sagte sie. „Man wartet auf mich. Sehr sogar. Vielleicht irgendwann… Versprich mir, dass du mir eines Tages etwasvorspielst?“

„Natürlich spiele ich dir vor!“ sagte ich. „Aber wann? Wann sehen wir uns wieder? Wo kann ich dich finden? Darf ich dich nun begleiten?“

In meiner Verzweiflung überschüttete ich sie mit Fragen… Und sie sah mich an, als wäre es das letzte Mal - als nähme sie Abschied und wolle sich mein Gesicht für immer einprägen.

„Geh nicht…“, flüsterte ich, vom Gefühl völliger Ausweglosigkeit erdrückt. Sie hob die Hand, legte ihre Fingerspitzen auf meine Lippen - und der Strom meiner verwirrten Gedanken verstummte.

„Schließ die Augen“, sagte sie. Ich tat es - gegen meinen eigenen Willen. Ich spürte, wie sie sich zu mir beugte, fühlteihren Atem an meinem Hals.

„Danke dir für den Abend“, hauchte sie mir ins Ohr.

„Du hast mir etwas geschenkt, was ich schon sehr, sehr lange nicht mehr hatte. Und wenn es unser Schicksal war, uns heute zu begegnen, dann wird uns das Schicksal vielleicht eines Tages wieder zusammenführen. Versprich mir nur, dass du für mich spielen wirst wie für niemanden sonst. Versprich mir, dass dieser Abend - heute- nicht unser letzter sein wird. Versprich mir, dass ich die Hoffnung, die heute geboren wurde, nicht mit mir in die Ewigkeit nehmen werde. Versprich es mir. Und ich verspreche dir, dass ich dem Klang deiner Musik folgen werde.“

Sie verstummte, und ich begriff, dass mir niemand mehr antworten würde. Weder ihr Atem, noch ihre Hand auf meiner Schulter, noch sie selbst waren noch da.

Ich öffnete die Augen und stand noch lange allein am Ufer der Alster, den längst unnütz gewordenen Regenschirm in der Hand…

Verzweiflung. Schmerz. Ratlosigkeit… Tief in meinem Inneren wusste ich, dass es keinen Sinn hatte, ihr nachzulaufen oder sie zu suchen. Und obwohl ich noch nirgendwo hingegangen war, wusste ich bereits, wo ich meine Abendeverbringen würde - morgen, übermorgen...

DAS ZUHAUSE

Es vergingen die Abende, es vergingen die Wochen… Ich kehrte immer wieder an das Ufer zurück, erfüllt von einer Hoffnung, die mehr und mehr verblasste. Ich versuchte, mich kopfüber in die Arbeit zu stürzen, um mich von den Gedanken an sie zu lösen, doch nichts half. Ich war besessen, untröstlich und zugleich innerlich vollkommen leer.

Einige Zeit später fragte mich ein Mensch, der mir im Leben am nächsten stand, was mit mir geschehe. Er hatte mich großgezogen, wir arbeiteten Seite an Seite, und so lag es nur nahe, dass ich alles erzählte.

Für mich war er der weiseste Mensch auf Erden. Von wem sonst hätte ich Antworten erwarten können, wenn nicht von ihm? Wir lebten gemeinsam in dem Familienhaus, das er noch vor dem Tod meiner Eltern erbaut hatte. Hier war ich aufgewachsen, und obwohl ich die Möglichkeit gehabt hätte, wollte ich davon nicht wegziehen; zu vieles hier erinnerte mich an jene Zeit, in der ich glücklich gewesen war. Manchmal schloss ich die Augen, und es war mir, als seien meine Eltern noch immer bei mir.

Mein Großvater war gegen jeden Gedanken an einen Umzug, denn sowohl das Büro als auch die Expertise von Kunstgegenständen - unser Familienunternehmen - all das befand sich in diesem Haus. Wie er immer zu sagen pflegte: „Dieses Haus trägt ein Stück der Seele unserer Familie in sich. Und wenn ich einmal gehe, wird das Haus ohne dich nicht überleben können…“ Mir erschienen seine Worte stets seltsam, und doch fühlte ich mich beim Heimkommen richtig geborgen - wie in den Armen von jemandem, der einen liebt und umsorgt. Am liebsten besprach mein Großvater alle wichtigen Fragen am Kamin. Seinen Worten nach war das Feuer eine Substanz, die einem half, Antworten dort zu erschauen, wo man sie selbst nicht zu sehen vermag…

Und nun saßen wir gemeinsam am Kamin, und ich erzählte ihm über sie… Obwohl es mir schwerfiel, das Erlebte in Worte zu fassen, das ich in ihrer Gegenwart verspürt hatte, schilderte ich ihm alles bis ins kleinste Detail. Er hörte mir zu, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen, und verharrte noch eine Weile schweigend, den Blick in das Feuer gerichtet. Schließlich stand er auf, stopfte seine Pfeife, nahm eine alte hölzerne Schatulle aus dem Regal und ließ sich wieder in den Sessel neben mir sinken.

„Was ist das für eine Schatulle?“, fragte ich ihn.

„Ach, nicht so wichtig, nur so ein Gedanke…“, wich er meiner Frage aus. Seine linke Hand ruhte auf der Schatulle, die er mit dem Knie festhielt, während seine rechte Hand von Zeit zu Zeit die Pfeife zum Mund führte…

Was hatte ich von ihm erwartet? Antworten? Worauf eigentlich? Wahrscheinlich war es mir einfach nur wichtig gewesen, es auszusprechen… Und so saß ich, genau wie er, einfach nur da und starrte in das Feuer.

Doch schließlich brach er das Schweigen…

„Als du deine Eltern verlorst, begannst du zu spielen. Es geschah ganz spontan; zuvor hatten wir nie eine besondere Liebe zur Musik bei dir bemerkt. Die Tragödie riss dich für eine Weile weit fort aus der realen Welt. Doch nach einiger Zeit kehrtest du dank der Musik zurück… Anfangs fürchtete ich, das Schicksal hätte mir nicht nur deine Eltern, sondern auch dich genommen, doch die Musik hat dich mir wiedergegeben.

Vor langer Zeit begegnete ich einem Menschen, der mir diese Schatulle schenkte. Er sagte mir einen Satz: Man solle nicht nach Lösungen dort suchen, wo sie längst schon existieren… Man müsse nur die Augen schließen und sie in sich selbst finden. Du suchst gerade nach Antworten. Aber du hast sie schon immer in der Musik gefunden. Wende dich nicht von dem ab, was dir stets Kraft gegeben hat… Und erinnere dich… Du hast versprochen, eines Tages für sie zu spielen! Also spiel für sie, auch wenn sie nicht mehr an deiner Seite ist…“

Ja, er hatte recht… Ich hatte lange nicht mehr gespielt. Ich wusste nicht, warum… Vielleicht, weil ich mir durch das Spiel schon seit meiner Kindheit geholfen hatte, mein Herz zu beruhigen, wenn es vor Sehnsucht nach meinen Eltern schmerzte. Doch jetzt wollte ich mir nicht helfen, aufzuhören, an sie zu denken. Ich hatte Angst, die Musik könnte sie wegdrängen, ihr klares Bild in meinem Kopf verblassen lassen und ihre ohnehin unwirkliche Erscheinung noch schemenhafter machen.

Doch nun… Während ich über seine Worte nachdachte, begriff ich, dass ich spielen wollte. Nicht, um sie zu vergessen, sondern um für sie zu spielen… Denn sie war es, die darum gebeten hatte. Das bedeutete, ich würde nicht für mich spielen, sondern für sie. Und ich wusste genau, wo ich spielen würde - an jenem Ort, an den ich sie eingeladen hatte, den wir aber niemals gemeinsam betreten hatten…

ATLANTIC

Am nächsten Abend kam ich zu jenem Hotel am Ufer, wo wir uns begegnet waren. Die Besitzer des Hauses hatten schon meine Eltern gekannt und hießen unsere Familie stets willkommen. Doch das war nicht der Grund, warum ich hierherkam. In diesen Mauern klang die Musik anders als an jedem anderen Ort…

Man sagt, dass alle Häuser aus Steinen gebaut und mit Zement verbunden werden, doch es gibt Orte auf der Welt, in deren Errichtung die Architekten ein ganz besonderes Wissen legten - ein Wissen, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Es sind Erkenntnisse, die uns von alten Meistern überliefert wurden, die noch zu hören vermochten, was der Stein spricht, und die selbst mit ihm sprachen…

Ein großes Foyer, alte Gemälde, ein Kamin, hohe Decken - ein gewöhnliches Erscheinungsbild für ein Hotel, so sollte man meinen. Doch nein - nicht an diesem Ort… Die Atmosphäre dieses Hauses zog jeden in ihren Bann, der fähig war, seine Seele zu spüren. Es war ein Ort, an dem auch ich wieder zum Leben erwachte, wenn ich die Kraft brauchte, die in seinen Mauern verborgen lag…

Ich setzte mich an den Flügel - denselben Flügel, an dem ich zu jeder Tages- und Nachtzeit spielen durfte. Wenn ich ganz in die Musik eintauchen wollte, kam ich immer hierher. Denn zu Hause spielte ich nie.

Ihr fragt euch, warum? Nun, weil in meinem Elternhaus immer noch die Musik nachklang, die meine Mutter einst gespielt hatte. Und ich wollte mit meinem Spiel diese Klänge, die mein Herz mit Wärme erfüllten, nicht übertönen. Doch nein, das war nicht der einzige Grund - aber dazu später mehr…

Und während ich nun hier am Flügel saß, dämmerte mir, dass all die Ereignisse in meinem Leben irgendwie miteinander verwoben waren. Es war, als befände ich mich genau in der Mitte zwischen Vergangenheit und Zukunft und spürte zugleich, dass alles auf eine unfassbare Weise zusammenhing…

Doch um diese Verbindung zu erkennen, müssen wir sie durchleben. Also gab es nur eines: ich musste spielen! Und so begann ich.

Es waren nur wenige Gäste da, und ihre Stimmen störten mich nicht… Aber die ersten Klänge, die dem wundervollen Instrument entströmten, ließen alle im Foyer des Hotels verharren und verstummen…

Heute spielte ich keines meiner Lieblingsstücke. Ich spielte die Hoffnung, ich spielte unsere Begegnung, ich spielte ihren Blick… Ich spielte wie ein Mensch, der lange Zeit in der Dunkelheit verbracht und nach dem Licht gelechzt hatte. Ich spielte und spielte… bis zur Erschöpfung… Die Menschen standen wie gebannt da und lauschten, doch ich nahm sie nicht wahr - bis ich in einem Augenblick sie sah…

Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, hätte ich sie unter Tausenden erkannt. Die einsame junge Frau, die mit dem Rücken zu mir am lodernden Kamin saß, war zweifellos sie… Ihr Haar, ihr Kleid…

Ich sprang vom Flügel auf und wollte schon zu ihr eilen. Aber eine ältere Frau versperrte mir den Weg. Sie hielt mich zurück und sagte, dass sie einst am Konservatorium gelehrt habe und dort nur ein einziger ihrer Studenten so gespielt hätte - ein Student, dem ich sehr ähnlich sähe… Und dass heute eine Musik erklungen sei, die sie in ihrem ganzen langen Leben noch nie gehört habe… Dass kein einziger der namhaften Musiker dieser Welt jemals etwas Vergleichbares gespielt hätte…

Doch ich hörte ihr nicht zu - ich wollte nur so schnell wie möglich zu der Frau gehen, die mich zu meinem Spiel inspiriert hatte... Doch als ich meinen Blick wieder zum Sessel am Kamin wandte, sah ich, dass er bereits leer war…

In tiefer Verzweiflung, unter den verwunderten Blicken der Menschen, die meine Bestürzung nicht begriffen, rannte ich auf die Straße hinaus, doch auch dort war niemand zu sehen. Nur ein Hotelangestellter in Livree fragte mich, ob er mir ein Taxi rufen solle, und bedankte sich für die wunderbare Musik.

„Sagen Sie, haben Sie nicht gerade eine junge Frau im hellen Kleid gesehen, das das Hotel verlassen hat?“, fragte ich ihn.

Er lächelte nur und entgegnete, dass er sich nicht entsinnen könne, dass an jenen seltenen Abenden, an denen ich spielte, jemand jemals das Foyer verlassen habe. Und diejenigen, die zufällig hereinkamen, seien stets bis zum Ende meines Spiels geblieben…

Die Worte „bis zum Ende meines Spiels“ trafen mich wie ein Blitzschlag. Ich blickte hinaus auf den in Dunkelheit gehüllten See, und meine Fantasie malte mir ein helles Kleid aus, das in der Finsternis aufblitzte…

Aufgewühlt, fassungslos, aber voller Hoffnung, umarmte ich den Portier und dankte ihm überschwänglich dafür, dass ich nun wisse, was zu tun sei… Sein Gesicht spiegelte reine Ratlosigkeit wider. Und mein Satz, dass er mir ‚womöglich das Leben gerettet‘ habe, verstärkte sein Unverständnis nur noch mehr. Doch das sah ich schon nicht mehr… Ich wusste bereits, was ich zu tun hatte…

 Der FLÜGEL

Das Antiquitätengeschäft - genau das war es, womit sich meine Familie seit Generationen beschäftigte. Von meinen Eltern erbte ich die Liebe zur Geschichte, und mein Großvater formte aus mir einen versierten und belesenen Fachmann auf diesem Gebiet. Mit der Zeit wurde ich für ihn zu einer wichtigen Stütze, da ich mich mit echter Affinität und voller Inspiration in unser Familienunternehmen einbrachte. Doch diese Abschweifung dient nur dazu, zu erklären, wie er zu uns gelangte…

Eines Tages erzählte mir mein Großvater seine Geschichte. Doch erst jetzt beginne ich zu begreifen, dass hinter all dem eine Fügung steckt, deren Tiefe sich mir erst allmählich offenbart…

Vor vielen Jahren besuchte uns ein sehr betagter Freund meines Großvaters. Meine Mutter war damals noch jung, doch ihr Spiel verzauberte bereits jeden, der sie hörte. Der Gast der Familie setzte sich kurzerhand zu ihr, um mit ihr vierhändig zu spielen. Mein Großvater erzählte oft, was für ein großartiger Abend es war: Obwohl sie zum ersten Mal gemeinsam spielten, war ihr Duo brillant. Tief bewegt vom Spiel meiner Mutter gestand er, noch nie jemanden getroffen zu haben, der Musik so tief empfindet. Er lud sie und meinen Großvater zu sich ein - er müsse ihnen etwas sehr Wichtiges zeigen.

Er empfing sie an der Schwelle seines Hauses und führte sie in ein abgelegenes Zimmer, das, wie er sagte, schon seit einer halben Ewigkeit keinen Besuch mehr empfangen hatte…

Als sie eintraten, erblickten sie einen Flügel. Der alte Herr trat an das Instrument heran und erklärte, dass dies kein gewöhnliches Klavier sei. Es war weder durch Erbe in den Besitz seiner Familie gelangt, noch war es gekauft worden. Er sagte, dieser Flügel sei nicht bloß das Werk eines unbekannten Meisters, sondern vielmehr ein lebendiges Wesen. Und wenn das Instrument sich jemanden erwählt, der auf ihm spielen darf, dann spielen sie zu zweit: der Musiker und der Flügel. Seine bezaubernde Musik erklinge dann gleichzeitig in dieser und in anderen, uns unbekannten Welten und nehme Einfluss auf alles, was uns umgibt…

Er trat näher und setzte sich an das Instrument. „Wundern Sie sich bitte nicht“, sagte er. Er wandte sich dem Flügel zu, bat ihn gleichsam um Verzeihung, öffnete die Tastatur und begann zu spielen. Doch während sein Spiel am Vorabend noch brillant gewesen war, vernahm man nun nichts als das trockene Klappern der Tasten auf dem Holz…

„Aber er ist doch kaputt“, sagte meine Mutter.

„Nein, wundern Sie sich nicht über das, was Sie sehen“, entgegnete er. „Ich bin seiner einfach nicht würdig. Seit vielen Jahren versuche ich es, doch er wartet auf jemanden, der fähig ist, ihn zu spielen.“

Er schloss die Tastaturklappe, bat das Instrument erneut um Verzeihung und erhob sich.

„Jetzt bist du an der Reihe, mein Kind“, sagte er zu meiner Mutter. „Und wir beide gehen hinaus.“ Mit diesen Worten führte er ihren Vater behutsam, aber mit gewissem Nachdruck aus dem Zimmer und ließ die Tür nur einen Spaltbreit offen.

„Und beeile dich nicht, ihn zu öffnen …“, sagte er, während er die Tür zuzog. „Sprich zuerst mit ihm. Denk daran: Man spielt ihn nicht mit den Händen. Er spürt die Seele und das Herz des Musikers, und spielen kann man auf ihm nur mit ihnen …“

Als sie herauskamen, setzte sich meine Mutter an den Flügel und sah ihn etwas verängstigt und verständnislos an. Doch je länger sie so dasaß und ihn betrachtete, desto mehr hatte sie das Gefühl, nicht allein im Zimmer zu sein. Nach einer Weile berührte sie ihn und öffnete die Tastatur.

Es kam ihr vor, als sei es nicht sie, die spielen wollte, sondern als lade der Flügel sie dazu ein… Doch sie eilte nicht. Mit geschlossenen Augen berührte sie die Tasten. Es war, als wüsste sie bereits, was sie erwartete. Ohne die Augen zu öffnen, schlug sie die erste Taste an, und ihr Klang erhellte die Dunkelheit in ihrem Inneren. Sie sah ihn: Er stand vor ihr, als wäre er aus tausenden schimmernden Glühwürmchen erschaffen.

Er wartete, und sie begann zu spielen… Die Musik, die dabei erklang, ergoss sich nicht nur in den Raum. Sie schwebte durch die Straßen der Stadt und brachte die Menschen und die Natur zum Aufblühen…

Als meine Mutter aus dem Zimmer trat, erhob sich der Freund meines Großvaters und sagte, während er sich die Tränen abwischte:

- Er hat dich erwählt. Nun gehört er dir.

So kam dieser Flügel in unser Haus. Doch als meine Mutter von uns ging, spielte niemand mehr auf ihm. Mein Großvater fragte mich einmal, ob ich es nicht versuchen wolle, doch ich konnte es nicht. Ich hörte noch immer ihr Spiel. Wo auch immer ich mich im Haus befand, ihr Spiel hallte leise in meinem Herzen wider. Aber der Großvater sagte, dass ich es eines Tages doch tun würde… eines Tages!

Und diese Zeit ist nun gekommen - ich wusste, dass ich ihn jetzt brauche. Diesen Flügel, erschaffen von der Hand eines unbekannten Meisters. Der Flügel, dessen Klänge, während sie zwischen den Wänden verfließen, niemals aus den Herzen derer verschwinden, die ihn je gehört haben…


SIE

Gegen Nacht, als das Alsterufer menschenleer war, stand der Flügel genau an jenem Ort, an dem ich ihr begegnet war.

Doch ich eilte nicht mit dem Spiel… Für mich war dieses Instrument nicht weniger mystisch als der Anlass, aus dem es hierher gelangt war… Ich setzte mich an den Flügel und schloss die Augen. Zwar musste ich meine Gedanken nicht von Unnötigem befreien - sie alle drehten sich ohnehin nur um sie. Doch ich musste mich erst auf die Musik einstimmen.

Zum ersten Mal in meinem Leben berührte ich diesen Flügel voller Scheu. Doch er schwieg. Es schien, als würde er mich prüfen, mustern und abwarten. Voll Angst vor dem trockenen Klappern der Tasten, von dem der Großvater in seinen Geschichten erzählt hatte, öffnete ich dennoch behutsam die Klappe.

Als ich die Finger auf die Tasten legte, erinnerte ich mich an meine Mutter, an ihre Worte über die Musik und daran, wie sie zu spielen pflegte. Und für einen Augenblick war mir so, als würde ich ihre Stimme wieder hören und jenen Zuspruch, den sie mir einst mit auf den Weg gab, als ich während ihres Spiels neben ihr stand: „Hab keine Angst, er wird auf dich warten. Und wenn du bereit bist - spiele einfach.“

Und ich begann zu spielen. Nicht voller Furcht, sondern in der Gewissheitdass jeder Tastenschlag meine Chance war, sie wiederzusehen… Und der Flügel antwortete! Er klang so, wie kein anderes Instrument auf dieser Welt klingt. Er klang im Kopf, im Herzen und in der Seele zugleich…

Der Himmel war wolkenverhangen, doch die Musik erschuf ihr eigenes Licht. In ihr schienen das Flüstern der Nacht, das Leuchten der Sterne und die brennenden Laternen mit all dem zu verschmelzen, was mein Herz beschwerte… mit all dem, wonach meine Seele flehte.

Ich selbst wurde für eine Weile eins mit diesem Instrument und dieser Melodie - es war mir so, als ob mit ihrem Verstummen auch mein eigener Lebensfaden reißen würde.

Diese magischen, fast übernatürlichen Klänge flossen über den See. Sie umarmten jeden Baum, und die Äste schienen sich der Quelle des Klangs entgegenzustrecken. Nachdem die Klänge das Becken des Sees gefüllt hatten, flossen sie über die Ufer hinaus. Sie ergossen sich in die Straßen, entzündeten längst erloschene Laternen der Vergangenheit und weckten die Schatten weit zurückliegender Ereignisse. Die Welt schien für einen Atemzug innezuhalten, und dann, für einen flüchtigen Moment, verschmolzen zwei Welten miteinander.In diesem winzigen Augenblick hätten vereinzelte Passanten Lichter in alten, längst verschwundenen Fenstern erblicken können, und Kinder, sofern sie noch nicht schliefen, hätten auf den Straßen seltene, ihnen unbekannte Automobile vorbeifahren sehen.

Es dauerte nur eine Sekunde, doch diese Sekunde genügte. Sie hatte mich gehört. Ich spürte, wie sie sich zu mir auf die Bank setzte. Dennoch hielt ich die Augen geschlossen und spielte einfach weiter. Ich hatte Angst, dass allein die Musik jener Magnet war, der sie in diesem Augenblick an meiner Seite hielt. Sie schmiegte sich an mich und legte ihren Kopf auf meine Schulter…

„Wer bist du?“, fragte sie. „Warum ausgerechnet du?“

„Und warum erst jetzt, nach all diesen unendlichen Jahren...?“

Ich hörte ihr zu und setzte mein Spiel fort, in der Hoffnung, die Antwort würde von selbst kommen... Doch sie sprach weiter.

Du weißt doch gar nicht, wer ich bin. Und wenn du es einmal erfährst...“ - sie verstummte und rückte von mir ab.

Da begriff ich, dass sie in nur einer weiteren Sekunde wieder verschwinden würde. Ratlos brach ich mein Spiel ab und ergriff ihre Hände. Doch obwohl ich selbst aufgehört hatte zu spielen und die zauberhaften Klänge nicht mehr über den See flossen, spielte der Flügel weiter... Er spielte in jenen Oktaven, die für gewöhnliche Menschen unhörbar waren, die sie aber auf magische und unergründliche Weise an meiner Seite hielten.

„Lass mich es erkennen“, sagte ich. „Gib mir die Chance… Geh nicht fort. Lass mich einfach an deiner Seite sein!“

„Ich habe Angst“, sagte sie, und eine Träne rollte über ihre Wange.

„Hab keine Angst“, antwortete ich.

„Nein“, sagte sie und wischte sich die Träne fort. „Ich werde gehen müssen, aber nicht jetzt. Schenk mir diese Nacht. Es ist so lange her, dass mir jemand etwas geschenkt hat.“

 AMULETT

Jetzt, wo sie bei mir war, habe ich alle Gedanken daran, was als Nächstes kommen würde, beiseitegeschoben. Ich habe mir selbst versprochen, dass nicht einmal der kleinste Schatten der bevorstehenden Trennung diesen Abend trüben würde. Ich wollte ihr alles geben, was ich konnte, obwohl wir nur noch eine einzige Nacht vor uns hatten.

Ich führte sie zu meinen Lieblingsorten. Wir spazierten durch kleine Gassen, kehrten in Restaurants ein, huschten in mein Lieblingshotel, um uns am Kamin aufzuwärmen... Wir tanzten und spazierten wieder. Wir plauderten, saßen beisammen, tranken Tee, rannten schläfrigen Möwen hinterher... Ich erzählte ihr von Gemälden und meiner Arbeit, von Musik und von mir selbst. Sie lachte und antwortete, hatte Spaß und war so natürlich und lebendig wie nur möglich.

Doch tief in ihren Augen sah ich immer noch dieselbe Weisheit, dieselbe Sehnsucht und Traurigkeit, die mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen waren... Und ja, sie erzählte nichts von sich. Aber ich fragte auch nicht. Ich wollte nur, dass sie glücklich war... Denn in diesem Moment war ich selbst auch glücklich, einfach nur an ihrer Seite zu sein.

Man sagt, Glück sei vergänglich... Nein, das stimmt nicht... Vergänglich sind nur die Zeit und das, was man irgendwann nicht mehr zu schätzen weiß, nicht mehr spürt und nicht mehr wahrnimmt... Gerade das Glück ist dieser magische „Mechanismus”, der das Leben in Ewigkeit verwandelt... Denn die grauen Alltagsstunden vergehen unbemerkt, aber das Glück... Das Glück schenkt Momente, an die man sich immer wieder gerne zurückerinnern wird.

Wahrscheinlich war ich in meinem ganzen Leben vor ihr nicht ein einziges Mal wahrhaft glücklich gewesen... Ja, nach dem Verlust meiner Eltern hatte mein Großvater mir alles gegeben. Ich ähnelte in vielem meinem Vater - konzentriert auf Wissen und Erkenntnis, und von meiner Mutter hatte ich die unendliche Liebe zur Musik und ihr Talent geerbt. Aber obwohl ich all die Dankbarkeit und Liebe, die eigentlich meinen Eltern gegolten hätten, auf den einzigen Menschen projizierte, der mir geblieben war, fehlte mir dennoch - sie... Jene, der jeder von uns eines Tages begegnen wird, jene, der man sich ganz und gar hingibt... Und jetzt, an ihrer Seite, begriff ich, dass ich sie gefunden hatte... Aber nur, um sie wieder zu verlieren...

Und ja, alles in dieser Welt ist dem Lauf der Zeit unterworfen. Keine Macht vermag sich ihr in den Weg zu stellen... Nicht einmal ein alles verzehrendes Glück. Und so standen wir wieder am Ufer der Alster, während in der Ferne der Himmel bereits im ersten Licht des Morgengrauens erhellte. Sie sah mich an, und in ihren Augen leuchteten die Sterne heller als am Firmament über uns. Und sie bat mich, ein letztes Mal für sie zu spielen.

Ich setzte mich und begann zu spielen. Sie ließ sich neben mir nieder, den Rücken dem Flügel zugewandt, legte den Kopf auf meine Schulter und umschlang mit dem Arm meinen Nacken. Ich spürte, wie sie auf den See hinausblickte, und wusste, dass sie bald gehen würde; doch ich spielte weiter, in der Hoffnung, sie mit den Klängen und mit meinem Herzen da festzuhalten.

„Weißt du, dass wir uns nie wiedersehen werden?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete ich… „Und ich weiß auch, dass du mir deine Geschichte nicht erzählen wirst. Und dass ich dich mein Leben lang suchen werde ...“

Sie schmiegte sich an mich und sagte: „Leb wohl, es ist Zeit für mich zu gehen.“

„Warte“, hielt ich sie zurück… „Ich möchte dir etwas geben.“

Ich knöpfte mein Hemd auf und nahm ein altes Medaillon von meinem Hals.

„Vor vielen Jahren habe ich meine Eltern verloren. Kurz vor ihrem Tod schenkten sie mir dieses alte Medaillon и sagten, dass ich es eines Tages dem Menschen schenken würde, ohne den ich nicht mehr leben kann. Jenem Menschen, von dem ich mich vielleicht trennen müsste, zu dem mich das Medaillon aber wieder zurückführen würde... Ich möchte es dir geben. Seit unserer ersten Begegnung steht meine Welt kopf. Und auch wenn ich nicht alles verstehe, was hier geschieht - jetzt glaube ich! Ich glaube fest daran, dass das Schicksal uns nicht ohne Grund zusammengeführt hat. Und das bedeutet: Wo auch immer du sein magst und wer auch immer du bist, ich werde dich finden, immer und immer wieder...“

„Und während ich nach dir suche, soll es dich beschützen, so wie es mich beschützt hat.“

Sie sah mich aus ihren wundervollen Augen an, und ich brauchte keine Antwort - sie lag ganz in ihrem Blick. Doch als sie ihren Blick auf das Medaillon richtete, weiteten sich ihre ohnehin schon großen Augen noch mehr...

„Warte“, sagte sie...

Ihre Hand glitt zum Halsausschnitt, und an einer Lederkordel zog sie unter dem Kleid ein identisches Medaillon hervor..

Und wieder war ihr Blick voller Verwirrung und Angst - genau wie an jenem ersten Tag, als ich ihr am Ufer begegnet war...

„Wie kann so was sein?“, fragte ich.

„Ich verstehe es nicht“, antwortete sie. „Dieser Flügel, diese Medaillons... sie wurden von ein und demselben Meister geschaffen... Und das Holz, aus dem sie gefertigt sind, besitzt eine ganz besondere Kraft, die mich anzieht... Ich weiß es nicht, aber anscheinend entscheidet das Schicksal etwas für uns.“

Sie sah mich durchdringend an und fragte: „Willst du wirklich wissen, wer ich bin?“

„Natürlich“, antwortete ich.

„Nun gut... Wahrscheinlich werde ich es eine Ewigkeit lang bereuen. Aber ich würde es noch mehr bereuen, wenn ich es nicht täte. Ich werde es dir zeigen... Und möge das Schicksal selbst über uns entscheiden. Denn wenn wir uns begegnet sind, muss es einen Sinn gehabt haben...“

Mit der linken Hand fasste sie mich an der Schulter und drehte mich sanft zu sich. Mit der rechten Hand schloss sie ihre Finger fest um das Amulett, das an ihrem Hals hing. Dann glitt ihre linke Hand höher und neigte meinen Kopf zu sich herab.

Unsere Lippen berührten sich.

 KUSS

Man sagt, wenn sich die Lippen zum ersten Kuss vereinen, dauert dieser Augenblick eine Ewigkeit... Doch was, wenn die Ewigkeit selbst Teil dieses Kusses war?

Ja, genau sie - die Ewigkeit. Die aus dem endlosen Strom der Zeit geboren wird. Die vor dem Anbeginn des Universums da war und nach ihm da sein wird. Die Ewigkeit lag auf ihren Lippen. Sie lag in ihren wunderbaren Augen. Die Ewigkeit war sie selbst. Ich küsste jene, die von Zeit und Ewigkeit behütet wurde. Jene, die den größten Teil ihres Lebens Teil von beiden war. Jene, der ich niemals hätte begegnen dürfen - Hätten sich nicht unerklärliche Mächte in ihr vorherbestimmtes Schicksal eingemischt...

Es war ein Aufblitzen, das mein Bewusstsein blendete. Ich berührte etwas, das mein Verstand weder fassen noch erklären konnte. Noch ein Augenblick länger - und der Strom der Unendlichkeit hätte mein Bewusstsein in tausend Stücke gerissen und meinen Körper als bloße Hülle zurückgelassen...

Doch ihre Lippen... sie hielten mich fest, bewahrten meinen Verstand und die Fähigkeit zu denken. Und der Tsunami, der aus dem Abgrund der Zeiten herangestürmt war, wich in die Ewigkeit zurück...

Mit diesem Strom verschwand auch sie.

Ich stand nun wieder allein am Ufer. Doch diesmal spürte ich nicht jene Verzweiflung, die mich gepackt hatte, als ich sie zum ersten Mal verlor. Und obwohl mein Bewusstsein sich weigerte, das Geschehene zu begreifen, kannte ich bereits meinen nächsten Schritt.

Ich wusste genau, wohin ich gehen musste, um diesen Faden der Ariadne zu entwirren, den das Schicksal mir zugeworfen hatte. Dieses Wissen sollte mir die endgültige Antwort geben: wer sie wirklich war. Was ich im Moment des Kusses gesehen hatte, bot mir die Chance auf eine erste Antwort. Und um letztendlich alle Fragen zu klären, muss ich nun den Weg fortsetzen, den ich vor vielen Tagen einschlug, als ich sie zum ersten Mal sah.


 KUNSTHALLE

Wir hatten uns erst vor Kurzem getrennt. Und obwohl es bereits Morgen war und der Ort, zu dem ich mich begeben wollte, ganz in der Nähe lag, dauerte es noch etwa eine Stunde bis zur Öffnung. Also beschloss ich, ins „Atlantic“ zurückzukehren, um dort eine Tasse ihres hervorragenden Kaffees zu trinken. Ich brauchte dringend einen klaren Blick auf das Geschehene.

Der bekannte Barkeeper - und gleichzeitig ein guter Freund von mir - hatte seine Nachtschicht noch nicht beendet. Nach jedem meiner Besuche im „Atlantic“ blieb ich oft bei ihm an der Bar hängen, um einen Kaffee zu trinken. Eines Tages kamen wir ins Gespräch. Seitdem waren wir oft gemeinsam auf Segelregatten und trainierten zusammen im Fitnessstudio. Das moderne Leben lässt einem nicht viel Freizeit, und bei einem anderen Lebensstil wären wir wohl beste Freunde geworden.

Er bereitete mir den Kaffee zu und fragte, wie es mir gehe, denn heute hatte ich mit all meinen pedantischen Traditionen gebrochen. Nach dem gestrigen Auftritt war ich nicht wie sonst an die Bar gekommen, um ein wenig zu plaudern, hatte danach keinen Kaffee getrunken. Zudem war ich zum ersten Mal mitten in der Nacht ins Hotel eingekehrt und hatte mich dabei seltsam verhalten. Auch jetzt ließen mein zerzaustes Äußeres und mein beunruhigter Blick deutlich darauf schließen, dass ich mich vielleicht einmal aussprechen müsste oder Hilfe brauchte...

Beim Blick auf ihn begriff ich plötzlich, dass er wohl nach meinem Großvater der zweite Mensch in meinem Leben war, dem ich mich immer wieder anvertraut hatte. Also erzählte ich ihm, dass ich in dieser Nacht zum ersten Mal eine Verabredung mit einer Person hatte, die ich womöglich nie wiedersehen würde. Doch ich sei sicher, gerade diejenige getroffen zu haben, mit der ich mein ganzes Leben verbringen wolle! Und dass ich nun verzweifelt sei, weil ich sie vielleicht für immer verloren hätte...

Mit aufrichtiger Freude im Gesicht sagte er, wie sehr es ihn freue, dass ich endlich jemanden gefunden hätte, der mein so auf Arbeit, Musik und Sport fokussiertes Leben aufheitern würde. Und obwohl er meine Auserwählte nicht gesehen habe, sei er sich sicher: Sie werde mich glücklich machen.

„Aber du hast sie doch heute gesehen!“, sagte ich. „Wir haben uns dort drüben, rechts an der Bar, lange unterhalten, das ist doch gerade mal eine Stunde her!“

„Ja“, erwiderte er. „Ich habe dich gesehen, aber du saßt allein da и, wie es mir schien, hast über ein Headset gesprochen… Du wirktest so glücklich, dass ich dich nicht stören wollte.“

„Allein…?“ Wahrscheinlich hätte mich dieser Satz gestern noch in Schock versetzt. Doch heute… Heute brach das Kartenhaus meines Weltbildes endgültig in sich zusammen. Was mache ich mir eigentlich vor? Schon seit der ersten Begegnung und der ersten Berührung ihrer Hand war mir klar, dass das Schicksal mich mit jemandem zusammengeführt hatte, der in keine gewöhnliche Vorstellung passte. Deshalb sah ich ihn an und sagte nachdenklich, beinahe ein wenig verloren, dass ich nun wohl weggehen müsse…

Er sah mich aufmerksam an, und als er die Hand drückte, die ich ihm hinhielt, ließ er sie nicht sogleich wieder los.

„Hör zu“, sagte er. „Ich kenne viele Menschen, aber du bist einer derjenigen, die wahres Glück verdienen. Du hast so vielen geholfen, aber du hast es nie zugelassen, dass dir jemand hilft. Jeder, der dich kennt, würde es als Ehre betrachten, dir in einer schwierigen Lage beizustehen, aber du hast es nie offenbart, was dich bedrückt. Selbst wenn wir auf der Alster die Segel setzten, sah ich oft diesen Blick von dir, der jemanden zu suchen schien. Deshalb sage ich dir jetzt: Ich und viele andere sind bereit, dir zu helfen. Aber wenn du, wie auch bisher, diese Hilfe nicht annehmen solltest, dann sollst du wissen: Ich kenne dich, und ich glaube an dich. Ich habe keinen Zweifel, dass du alles schaffst. Und wenn du Berge versetzen musst, um an der Seite der Frau zu sein, von der du erzählt hast, dann bist du der Mensch, den nichts aufhalten kann. Geh und finde sie!“

Brauchte ich diese Worte? Und wie! Denn obwohl er in allem recht hatte, begann ich bereits zu glauben, dass ich den Verstand verlor, weil ich jemanden suchte, der womöglich nur in meinem Kopf existierte.

Ich verließ das Hotel und eilte mit schnellen Schritten auf das Museum zu, das ich früher so oft besucht hatte. In wenigen Minuten später stand ich bereits vor dessen Schwelle.

Dem Personal war ich nicht nur als einer der treuesten Besucher und Kunstexperte bekannt. Da meine Familie das Museum als Förderer unterstützte, wirkten wir oft bei den verschiedensten Veranstaltungen mit. Daher konnte ich zusammen mit ersten eintreffenden Mitarbeitern hineingehen.

Und ja, ich wusste, wohin ich ging... Indem ich hastig durch die Korridore des Museums schritt, verlangsamte ich unwillkürlich meinen Lauf, als ich mich diesem Ort näherte. Im Moment des Kusses war er nur für einen flüchtigen Augenblick in meinem Bewusstsein aufgeblitzt. Doch ich erkannte das Gemälde wieder, das am Ende des Flurs zu sehen war. Abseits der Hauptströme der Touristen gelegen, hatte es aus einem unerfindlichen Grund all das vor mir verborgen, was ich eigentlich schon hunderte Male hätte sehen müssen.

Ich hatte diesen Ort schon immer geliebt. In ihm war die Geschichte selbst bewahrt. Wenn man es versteht, nicht einfach an den Bildern vorbeizueilen, sondern sich in sie zu vertiefen und zu begreifen, was der Schöpfer sagen wollte, eröffnet sich einem eine neue Welt: Man wird Teil einer Zeitmaschine und begibt sich auf eine Reise, deren Reiz mit keinem touristischen Ausflug zu vergleichen ist…

Doch so sehr ich mich auch bemühte, meinen Schritt zu verlangsamen und mich mit anderen Gedanken abzulenken, ich schritt dennoch weiter voran, und nach einer Weile erreichte ich die gewünschte Abbiegung. Dahinter verbarg sich das, weswegen ich hierhergekommen war.

Und nach nur wenigen Augenblicken sah ich sie! Ja, tatsächlich, sie! Nur blickte sie mich nun von einem Gemälde aus an.

Wann und von wem war das Gemälde hier aufgehängt worden? Wer war der Künstler, und wie kam sie auf dieses Bild?… Ich stand da, und in meinem Kopf schwirrten unzählige Fragen herum. Doch es gelang mir, das endlose Getöse in meinem Kopf zu beruhigen und das Gemälde nicht mit aufgewühlten Augen zu betrachten. Als Experte hätte ich sagen können, dass es mindestens fünf Jahrhunderte alt war. Doch für eine genauere Analyse bedurfte es mehr als nur einer oberflächlichen Untersuchung. Der Pinselstrich eines unbekannten, aber höchst talentierten Meisters hatte ihr Bildnis nicht bloß ausdrucksvoll eingefangen. In jedem Gemälde findet man - sofern man nicht achtlos daran vorbeiläuft - einen Sinn, den der Schöpfer ihm mitgegeben hat. Er war auch hier zu finden… Doch vielleicht war ich der Einzige, der in der Tiefe ihres Blicks die Verzweiflung und Hilflosigkeit zu lesen vermochte.

Was wollte sie mit diesem Blick sagen? In welchem Augenblick ihres Lebens hatte der Maler sie eingefangen? Niemand würde mir wohl jemals mehr auf diese Fragen antworten …

Sicherlich hätte ich dieses Gemälde monatelang betrachten können. Doch jetzt… jetzt fiel es mir schwer, das alles zu akzeptieren. Denn auf dem Porträt aus der Vergangenheit war die Frau zu sehen, deren Lippen ich noch immer auf den meinen spürte…

Aber nein. Das Bild war mir nicht genug. Ich brauchte sie selbst. Die echte, nicht die gemalte. Diejenige, mit der ich sprechen und die ich in meine Arme schließen konnte! Und ich wusste genau, dass ich sie am See nicht mehr wiedertreffen würde. Also musste ich weitergehen!

Ich trat an die Wand und tat das, was jeder tun würde, der sich auch nur ein wenig mit Kunst auskennt: Ich nahm das Bild ab und drehte es um. Ja, ich hätte dort eine leere Leinwand vorfinden können oder den Namen des Künstlers, der auf der Vorderseite fehlte. Und tatsächlich wurde meine Gewissheit belohnt - die Gewissheit, dass die Kette der Ereignisse, die mich hierhergeführt hatte, nicht bei einem Gemälde enden konnte.

Auf der Rückseite der Leinwand entdeckte ich eine Inschrift: „Danke von jenen, die du retten konntest. Danke für die Güte und die Hoffnung. Und vergib uns…“

Aufgrund meiner Erfahrung in der Kunstexpertise fiel es mir nicht schwer zu erkennen, dass die Inschrift keinesfalls vom Maler selbst stammte. Die Handschrift entsprach nicht derjenigen, die man bei dem Schöpfer eines so vollendeten Porträts vermutet hätte. Möglicherweise war sie erst viel später hinzugefügt worden. Doch da war noch etwas anderes, von größter Bedeutung: Dort standen ihr Vorname, ihr Familienname und ein Datum!

Das bedeutete, dass das Schicksal, das die Kette der Ereignisse schon mehrfach hatte abreißen lassen, mir nun den nächsten Faden und neue Hoffnung zugeworfen hatte. Und wieder wusste ich genau, was als Nächstes zu tun war.

Vorsichtig hängte ich das Gemälde zurück an die Wand, sah ihr fest in die Augen und sagte:

„Ich gebe nicht auf. Ich weiß noch nicht wie, aber ich werde dich finden. Vertrau mir einfach!“

ARCHIV

Wahrscheinlich haben Sie es bereits erraten: Kurze Zeit später stand ich vor den Türen des Stadtarchivs. Und obwohl man hier bei dringenden Anfragen ohne Voranmeldung normalerweise in langen Warteschlangen stehen müsste, hoffte ich auch hier auf ein gefälliges Entgegenkommen. Da unsere Familie durch das Antiquitätengeschäft dem Stadtarchiv im Laufe der Zeit zahlreiche historische Dokumente übergeben hatte, nahm ich an, dass eine so einfache Angelegenheit wie die Suche nach einem Namen in den Archivbüchern – die teilweise bereits digitalisiert waren - für die Mitarbeiter keine große Mühe darstellen würde.

Und ja, ich hatte Recht. Noch auf dem Weg zum Archiv rief ich den Mitarbeiter an, dem wir üblicherweise unsere Funde übergaben, und bat ihn um Hilfe in einer dringenden Angelegenheit.

Man nahm mich in Empfang und führte mich in einen Raum voller alter Folianten und Dokumente. Der Archivmitarbeiter erkundigte sich höflich, wie er mir behilflich sein könne. Ich holte einen Zettel hervor, auf den ich zuvor den Vornamen, den Nachnamen und das Datum notiert hatte.

Unterwegs hatte ich verschiedene Szenarien durchgespielt, wie ich das mir vorliegende Datum am besten nutzen sollte.

Würde ich nach allen Übereinstimmungen von Vor- und Nachnamen unter den damaligen Bürgern suchen, erhielte ich vermutlich hunderte Treffer. In diesem Fall würde ich jedoch nie erfahren, um wen genau es sich handelte. Schließlich gab es damals weder Passfotos noch soziale Netzwerke, die uns heute die Suche nach jeder beliebigen Person so sehr erleichtern… Die zweitbeste Option wäre die Suche nach dem Geburtsdatum gewesen. Das hätte mir zwar einen Anhaltspunkt geliefert, aber diese Option musste ich leider auch verwerfen. Es war ja kaum anzunehmen, dass ein Porträt, das sie im Erwachsenenalter zeigte, mit ihrem Geburtsdatum versehen worden wäre. Die letzte und leider die logischste Version war ihr Sterbedatum. So betrüblich es auch war, dürfte nicht zuletzt die Inschrift auf der Rückseite des Gemäldes gerade darauf hindeuten… Natürlich mochte es auch andere Möglichkeiten geben, und ich war bereit, meinetwegen Jahre im Archiv zu verbringen. Doch ich hatte einen klaren Plan, womit ich beginnen sollte.

Der Archivmitarbeiter sagte, er werde alle Möglichkeiten prüfen und sowohl in den digitalisierten Dokumenten als auch in den Archivbüchern suchen. Er fragte mich nach meiner Telefonnummer und versprach, mich zu kontaktieren, sollten die Nachforschungen zum Erfolg bringen.

Gehen? Ich entgegnete, dass ich nirgendwohin gehen würde und bereit sei, hier auf dem Boden zu schlafen, bis er nur eine Erwähnung dieser Person fände… Er zuckte mit den Schultern, meinte, dass es bis zum Abend noch viel Zeit sei und dass er hoffte, mir - und sich selbst - die Suche nach einer Matratze ersparen zu können. Daraufhin zog er sich ins Archiv zurück…

Ich setzte mich auf die Bank, lehnte den Kopf gegen die Wand und ging im Geist meine nächsten Schritte durch. Doch anscheinend ließ entweder die Wirkung des Kaffees nach oder die schlaflose Nacht forderte ihren Tribut - für einen Augenblick versank ich in einen unruhigen Schlummer. Eine Stimme weckte mich:

„Schlafen Sie hier schon lange? “

Mit einer Gegenfrage öffnete ich die Augen: „Haben Sie schon etwas gefunden? “

Doch vor mir stand nicht jener Mitarbeiter, dem ich den Zettel mit den Daten gegeben hatte, sondern ein anderer, sehr betagter Mann. Für einen Moment schien es mir sogar, als sei er viel zu alt, um selbst in einer Einrichtung wie einem Archiv noch zu tätig zu sein. Doch ich habe mich nicht länger an diesem Gedanken aufgehalten. Zumal er einen sehr gewichtigen Band in den Händen hielt, der möglicherweise nützliche Informationen für mich barg.

Konnten Sie etwas finden?“, fragte ich.

„Haben Sie denn etwas verloren?“, konterte er unerwartet.

„Verzeihen Sie, ich verstehe nicht ganz. Ich bin hier, um Informationen über eine bestimmte Person zu finden. Vielleicht sind sie in diesem Buch?“

„Das werden wir bald erfahren“, sagte er. „Aber erzählen Sie mir zuerst: Woher haben Sie denn dieses Ding?“, fügte er hinzu und deutete auf das hölzerne Amulett, das unter meinem aufgeknöpften Hemd an meinem Hals zu sehen war.

„Es ist ein altes Familienerbstück und steht in direktem Zusammenhang mit der Person, die ich suche. Doch trotz dieser Verbindung dürfte es kaum relevant für meine Anfrage sein…“ Erst jetzt sah ich ihn mir genauer an und begriff, dass seine Augen eine ganz eigene Beschreibung verdienten. Er blickte mich mit einer besonderen Weisheit an. Gleichzeitig ließen sich in seinem Blick Neugier und Vorsicht zugleich lesen.

„Mich geht das alles etwas an!“, sagte er und unterbrach damit meinen inneren, ihn musternden Dialog. „Sie ahnen nicht einmal, wie sehr mich das alles angeht. Aber das ist vorerst nicht wichtig. Ich werde Ihnen etwas über sie kundtun. Allerdings könnte es Sie womöglich ein wenig erschüttern.“

Er drehte das Buch zu mir und deutete mit dem Finger auf einen bestimmten Eintrag. Und ja, er hatte recht: Was ich dort las, gefiel mir ganz und gar nicht. In dem Buch war ein Urteil niedergeschrieben, laut dem vor etwa sechshundert Jahren eine Frau mit einem ähnlichen Namen verzeichnet, der Hexerei beschuldigt und als Hexe auf dem Marktplatz verbrannt worden war. Am Ende war das Datum der Vollstreckung angegeben. Ja, genau das Datum, das auf meinem Zettel und auf der Rückseite des Gemäldes stand. Es wurde mir schwarz vor den Augen.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser bringen?“, fragte der Alte.

„Nein, verzeihen Sie… geben Sie mir nur ein paar Minuten“, murmelte ich.

Als ich nach einer Weile wieder zu mir kam, las ich die Zeilen noch einmal und entdeckte, dass sich hinter der verblassten Tinte noch eine weitere Eintragung verbarg. Das Wort „hingerichtet“ war durchgestrichen, und darunter stand das Wort „begnadigt“.

Ich nahm mein Handy und fotografierte den Eintrag mit den Informationen über sie. Daraufhin sagte der Alte: „Sie können nicht im Bilde festhalten, was sich hinter diesen Zeilen verbirgt. Aber wenn Sie sie wirklich suchen, dann sind Sie Ihrem Ziel heute vielleicht einen Schritt nähergekommen.“

Ohne auf ihn zu hören, hob ich zu ihm den Blick und fragte: „Ist das denn alles? Lässt sich wirklich nichts mehr finden?“

„Sie brauchen nichts mehr, junger Mann“, antwortete er. „Und da Sie hierhergekommen sind, bedeutet das, dass Sie bereits alles haben“, sagte er mit einem Blick auf das Amulett.

Danach sah er in meine überraschten Augen und fügte hinzu:

„Bestellen Sie Ihrem Großvater übrigens schöne Grüße. Wir haben uns lange nicht gesehen, aber ich erinnere mich, dass er ein sehr ehrenwerter junger Mann war. Und wenn ich mich in ihm nicht getäuscht habe, wird er Ihnen schon den Weg weisen. Und wenn ich mich in Ihnen ebenso nicht geirrt habe, werden Sie diesen Weg auch gehen können.“

Während ich noch versuchte, das Gesagte zu begreifen, wandte er sich ab, nahm den alten Folianten an sich und verschwand durch die Tür hinter dem Tresen… Ich hatte viele Fragen und keine einzige Antwort. Und während ich noch konsterniert dastand, kam aus eben jener Tür, durch die der Alte gerade gegangen war, der Mitarbeiter heraus, der mich am Morgen empfangen hatte.

„Verzeihen Sie bitte. Ich habe sämtliche Daten im System sowie alle Bücher aus diesem Jahr durchgesehen. Es ist mir aber nicht gelungen, irgendwelche Informationen über diese Person zu finden. Nochmals Verzeihung.“ Er legte den Zettel vor mich hin, den er vor Kurzem von mir erhalten hatte.

„Warten Sie“, sagte ich. „Der ältere Mann, der gerade eben aus dieser Tür kam… Wie heißt er? Er hat mir bereits alle Informationen gegeben, die mich interessierten. Er hat sogar einen Gruß an einen Verwandten von mir ausgerichtet, aber ich habe ganz vergessen, ihn nach seinem Namen zu fragen …“

Der Archivmitarbeiter sah mich verblüfft an. „Verzeihen Sie, aber hinter dieser Tür befinden sich nur die Computer und die Bücherregale. Und ich bin heute allein im Dienst, außer mir ist dort niemand…“

„Niemand, sagen Sie? Aber das Foto? Einen Moment mal…“, ich schaltete das Handy ein und öffnete die Galerie. Doch auch dort war nichts, als hätte ich in dem Folianten, den ich soeben gesehen hatte, gar nichts fotografiert. „Was soll das nur…?“, stieß ich unwillkürlich laut hervor, während mir das Handy aus der Hand glitt und mit einem harten Schlag auf dem Tisch landete.

„Verzeihen Sie, kann ich Ihnen sonst noch irgendwie helfen?“, fragte der Archivmitarbeiter und wich vorsichtshalber einen Schritt vom Tisch zurück.

Ich nahm mich zusammen, entschuldigte mich und sagte, dass es für mich wohl längst an der Zeit sei…

GROSSVATER

Der Faden war wieder gerissen… Mir blieb nichts anderes übrig, als nach Hause zu fahren. Dort konnte ich mich mit dem Menschen beraten, den ich für den weisesten von allen, die ich kannte, hielt, der mich mein ganzes Leben lang bei allem unterstützt hatte und dessen Rat mir stets eine Stütze war, wenn ich stolperte.

Er war mir Vater und Mutter zugleich. Doch das Wichtigste an ihm war, dass ich nur mit ihm alles teilen konnte, was mir widerfahren war - und nur er würde mir jedes meiner Worte ohne zu zögern glauben. Und genau das fehlte mir jetzt so sehr… Noch unterwegs rief ich ihn an und bat, sich Zeit für mich zu nehmen. Ich sagte ihm, dass ich ihn jetzt mehr brauchte denn je.

Er erwartete mich am Kamin, den er jedes Mal entzündete, wenn uns ein langes Gespräch bevorstand. Er wies mir auf den Sessel, sah mich aufmerksam an und bat mich, nicht zu überstürzen, sondern ihm alles, was mich bedrückte, bis ins kleinste Detail zu erzählen.

Ich ließ mich in den Sessel sinken und begann mühsam, meine Gedanken zu ordnen und sie in Worte zu fassen.

„Nein, so geht das nicht!“, unterbrach er mich. „Du hast dich noch nicht beruhigt. Das bedeutet, dass du viele wichtige Details auslassen wirst. Und ohne sie geht es in unserer Arbeit, wie du weißt, nicht.“

Er stand auf, goss mir Tee ein und begann, seine Pfeife zu stopfen. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen: Es ergab keinen Sinn anzufangen, bevor er seine Pfeife entzündet und ich meine Tasse Tee ausgetrunken hatte. Also beschloss ich, mich seinen Gewohnheiten und dem vertrauten Ritual unserer Gespräche nicht zu widersetzen.

Während ich in das Feuer blickte, trank ich meinen Tee aus und spürte, wie sich die Ruhe meines Großvaters auf mich übertrug und meinen Geist nicht mehr zu chaotischen Gedanken, sondern zu konstruktiver Analyse und einem klaren Dialog befähigte.

Nachdem alle Anforderungen seines Rituals erfüllt waren, begann ich meinen Bericht. Neulich erst hatte er mir bereits einen wertvollen Rat gegeben, Musik zu Hilfe zu nehmen. Und genau dadurch konnte ich sie im „Atlantiс“ ein zweites Mal sehen. Von diesem Rat ließ ich mich auch leiten, als ich damals am Ufer auf unserem Familienflügel gespielt hatte. Nun erzählte ich ihm, wohin das alles geführt hatte: vom unsagbaren Klang des Klaviers am Meer, dem nächtlichen Rendezvous, dem Barkeeper, dem Gemälde, dem Archiv und jenem alten Mann...

„Sag mir“, fragte er am Ende meiner Erzählung, „sah der Begnadigungsvermerk den anderen Einträgen ähnlich? Ich habe Archivdokumente aus jener Zeit studiert und kann dir einiges über diese Epoche berichten...“

„Nein“, antwortete ich. „Der Haupttext und der Vermerk über die Vollstreckung des Urteils stammten von derselben Hand. Aber die Notiz über den Freispruch war eindeutig in einer anderen Handschrift verfasst... Doch was macht das schon für einen Unterschied? Das ist ja fast sechshundert Jahre her... Ich will schlicht im Großen und Ganzen begreifen, was mit mir geschieht.“

„Nein!“, sagte er. „So geht das nicht. Gehen wir eins nach dem anderen vor!“

Er erklärte mir, dass das Datum ihrer Hinrichtung mit einer Zeit zusammenfiel, in der die Pest wütete und die Inquisition - leider - ein fester Bestandteil des mittelalterlichen Europas war. Er erläuterte, dass viele Urteile zwar vollstreckt wurden, die Vorwürfe der Hexerei jedoch oft nicht der wahre Grund für die religiöse Verfolgung gewesen seien.

Das Problem bestand darin, dass die unwissende, von der Pest verängstigte Menge selbst Präzedenzfälle schuf und den Tod des einen oder anderen forderte. Die Anlässe mochten beliebig sein, doch am häufigsten führten Anschuldigungen wegen Zauberei zum Scheiterhaufen. Und obwohl die Stadtobrigkeit oft versuchte, eine solche Strafe abzuwenden, ließ sich das aufgebrachte und verängstigte Volk manchmal nur dadurch besänftigen, dass man das Urteil vollstreckte...

Es waren finstere Zeiten, doch Tatsache bleibt Tatsache. Leider konnten solche Urteile nicht nur aus dem Zorn des Mobs heraus gefällt werden, sondern auch aufgrund von Erbstreitigkeiten, persönlicher Rache oder anderen Umständen. In solchen Fällen ging die Entscheidung von einem einflussreichen Beamten aus; um die Menge von der Richtigkeit des Urteils zu überzeugen, genügte es oft schon, ihr den Gedanken einzupflanzen, der Betreffende sei für die Ausbreitung der Pest verantwortlich.

Jedoch war jener zusätzliche Vermerk, den ich unter dem Urteil gesehen hatte, seinen Worten nach ein außergewöhnlich seltenes Ereignis. Er bedeutete, dass die Person freigesprochen worden war, weil man Beweise gefunden hatte, die ihre Unschuld bestätigten.

„Warte! Ich bin verwirrt... Wurde sie nun freigesprochen?“, fragte ich.

„Nein“, antwortete er. „Ich bin mir fast sicher, dass sie hingerichtet wurde. Im Buch war der Tod vermerkt, und ein solcher Eintrag erfolgte nur im Falle des tatsächlichen Ablebens. Der Freispruch-Vermerk bildete lediglich ein Postskriptum zu diesem - leider - bereits geschehenen, traurigen Ereignis... Bedenkt man die damalige Zeit, so interessierte es nach der Vollstreckung des Urteils niemanden mehr, was im Stadtbuch stand. Genau deshalb war jede zusätzliche Notiz über eine Begnadigung per se schon ein außergewöhnliches Ereignis. Das bloße Vorhandensein einer solchen Notiz deutet auf einen erheblichen Druck hin, der auf die Beamten ausgeübt wurde, damit es dazu kam. Ich weiß nicht, wer sie war, warum sie auf diesem Porträt verewigt wurde, warum man sie hinrichtete - und erst recht nicht, warum ausgerechnet bei ihr diese seltene Form des Freispruchs angewandt wurde. Doch all das zusammen spricht dafür, dass sie keine gewöhnliche Gestalt ihrer Zeit war. Dass dir all das jetzt widerfährt, bestätigt das nur. Und solange wir nicht geklärt haben, ob sich das nur in deinem Kopf oder hingegen in der Wirklichkeit abspielt, müssen wir nach jedem Strohhalm greifen.“

„Ich bin verzweifelt“, murmelte ich und starrte in die Flammen des Kamins.

„Überstürze nichts“, antwortete er. „Nach einem so langen Weg kannst du nicht einfach stehen bleiben. Wir müssen weiter Fakten ausgraben - so, wie wir es in unserer Arbeit immer getan haben. Hast du vielleicht etwas Wichtiges ausgelassen, als du mir von ihr erzählt hast?“

„Nein, ich habe dir alles erzählt“, sagte ich nachdenklich und ließ die Ereignisse Bild für Bild vor meinem geistigen Auge Revue passieren. „Warte! Doch! Der alte Mann! Ich erinnere mich - er hat dich grüßen lassen. Ihr scheint euch zu kennen...? Kennst du ihn? Vielleicht führt uns diese Spur weiter...?“

„Der alte Mann... Seltsam...“ Der Großvater starrte nachdenklich ins Feuer und puffte ein paar Mal an seiner Pfeife.

„Warum seltsam?“, fragte ich erstaunt. „Du kennst so viele Leute, besonders jene, die schon seit Jahrzehnten im Archiv arbeiten. Du musst dich nur erinnern, wer er ist...“

„Ganz so einfach ist es nicht“, antwortete der Großvater. „Als ich ihm begegnete, war ich etwa in deinem Alter - und schon damals sah er genauso aus wie derjenige, den du mir heute beschrieben hast... Aber bei weitem nicht alles an dieser Geschichte endet mit dieser Seltsamkeit. Letztes Mal hast du mir eine Frage zu einem bestimmten Gegenstand gestellt, doch damals schien es mir, dass zufällige Übereinstimmungen noch kein Anlass zur Sorge seien. Nun aber glaube ich, dass in dieser Geschichte absolut nichts zufällig ist.“

Er stand auf und nahm von dem Sims über dem Kamin jene kleine und - ihrem Äußeren nach zu urteilen - sehr alte Holzschatulle, die ich bereits vor ein paar Tagen in seinen Händen gesehen hatte.

„Öffne sie“, sagte er mit demselben nachdenklichen Blick und reichte sie mir.

Ich öffnete die Schatulle und sah auf ihrem Boden zwei kleine Vertiefungen... „Ist es das, was ich denke?“, fragte ich.

„Ja, genau das ist es“, antwortete er.

Ich nahm das Amulett vom Hals, zog das Lederband heraus und legte es in eine der Vertiefungen im Inneren der Schatulle. Es passte perfekt an seinen Platz.

„Und das zweite...“, ich beendete den Satz nicht, da ich mich an ihr Medaillon erinnerte.

„Ja!“, sagte er. „Das zweite ist höchstwahrscheinlich jenes, das du bei ihr gesehen hast.“

„Aber wie? Du hast doch gesagt, dass meine Eltern mir dieses Amulett geschenkt haben! Wie ist es zu ihnen gelangt und wie konnte es bei ihr sein?“ Während ich das sagte, legte ich mir das Medaillon wieder um den Hals, nahm die Schatulle in die Hand und betrachtete sie neugierig weiter...

„Ja“, antwortete der Großvater. „Du hast recht. Diese Schatulle haben dir deine Eltern geschenkt. Doch jede Geschichte hat ihre Vorgeschichte... Deinen Eltern wiederum habe ich diese Schatulle einst geschenkt, und sie haben sie an dich weitergegeben. Doch etwas anderes ist wichtiger: Wichtig ist, wie sie in unsere Familie kam. Und genau hier fügt sich ein weiteres Puzzleteil in das Bild ein. Diese Schatulle schenkte mir, als ich noch jung war, eben jener alte Mann, den du heute im Archiv gesehen hast...“

„Aber was fangen wir mit all diesen Informationen an?“, fragte ich. „Wie hilft mir das, den nächsten Schritt zu tun? Stecke ich etwa fest und war das jetzt alles?“

Der Großvater hörte mir zu, während er in das Kaminfeuer starrte. „Weißt du“, sagte er, „unser Beruf besteht nicht nur aus Gemälden oder Antiquitäten. Und wir sammeln nicht einfach nur Geschichte. Wir sehen in ihr das, was den Augen anderer verborgen bleibt. In meinem Leben bin ich oft Dingen begegnet, die sich mit dem gewöhnlichen Lauf der Welt schwer erklären lassen. Heute blickt die Wissenschaft nach vorn und spricht vieles aus, was für uns, die älteren Generationen, unbegreiflich ist. Doch würden die Wissenschaftler umkehren und zurückblicken, fiele es ihnen womöglich leichter, das zu verstehen, was sich der Menschheit gerade erst offenbart. Was gestern noch als Wunder galt, nennt man heute Energie, und was heute als unmöglich gilt, ist einst schon geschehen und wird vielleicht in der Zukunft wieder mal geschehen.“

Er machte eine Pause. „Ich habe dir nie erzählt, was ich tat, bevor ich in das Familienunternehmen einstieg, in das mich mein Vater einführte. Ich habe studiert, um Physiker zu werden. Leider kannte ich Einstein nicht persönlich. Und der Stand der Entdeckungen und Möglichkeiten der Wissenschaft in meiner Jugend war zum größten Teil theoretisch. Eines Tages führte mich mein Vater in die Welt der Dinge ein, die aus dem Altertum stammten. Ich begann, ihre Geschichte zu erforschen ... Und da begriff ich, wie viel die Wissenschaft verpasst, wenn sie die Verbindung zur Vergangenheit verliert. Wie viele Entdeckungen wären wohl gemacht worden, wenn die Wissenschaftler das Vergangene nicht für nutzlos hielten.“

„Vor langer Zeit, bei allen Völkern, die den Planeten bewohnten, gab es Legenden über heilige Bäume. Sicher, die Menschen waren damals nicht fähig, die Welt so tief zu ergründen, wie wir es heute vermögen. Doch sie behaupteten, dass all diese Bäume nicht nur miteinander verbunden seien, sondern auch mit der Sonne, den Sternen und dem gesamten Universum. Heute nennen die Wissenschaftler dies Energien, die das Weltall durchdringen, und sie suchen nach ihren Quellen, nach Orten, an denen diese Kraft konzentriert ist. Doch sie suchen dort vergeblich, denn es liegt noch jenseits ihres Vermögens liegt, da etwas zu finden. Ihr Stolz hindert sie daran, sich umzudrehen. Dabei würde sich ihr Weg von tausend Meilen auf einen einzigen Schritt verkürzen... Wir Menschen sind zu sehr vom Hochmut besessen, um direkt vor unseren Füßen zu suchen... Wir verlangen nach zu viel dort, wo das Kleine die Rettung sein könnte.

Einmal las ich eine Erzählung eines zeitgenössischen Autors mit dem Titel ‚Die alten Hüter des Lichts‘. Sie öffnete mir die Augen für die Natur vieler Dinge, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und ich kann dir sagen: Alles, was dir gerade widerfährt, ist kein Traum - es ist jene Wirklichkeit, die wir gewohnt sind zu leugnen. Also glaub an dich! Das, was mit dir geschieht, ist nicht das Produkt deiner Einbildung, sondern ein bisher unbewiesener, aber deshalb nicht weniger realer Teil der Welt, die uns umgibt.“

TRAUM

Eine Zeit lang saßen wir schweigend da, verloren in tiefem Grübeln. Wir beide suchten vergeblich nach einem Weg, den erneut verwirrten Faden zu entwirren, der uns an diesen Punkt geführt hatte - und nun plötzlich abriss.

Die Pfeife hatte der Großvater bereits zu Ende geraucht, das Kaminfeuer brannte langsam nieder...“ „Ich gehe in mein Arbeitszimmer, ich muss noch nachdenken“, sagte er. „Und du legst dich wohl am besten schlafen. Die Volksweisheit sagt: Weiß man am späten Abend keine Antwort, trägt der Schlaf sie einem vielleicht auf seinen Schwingen entgegen. Versuche also, dich auszuruhen. Und womöglich finden wir eben morgen gemeinsam eine Antwort.“

„Gut“, sagte ich. „Ich bleibe wohl noch ein wenig sitzen, aber ich denke, ich werde bald deinem Rat folgen.“

Ich stand auf, ging zum Tisch, nahm die Lupe und kehrte zum Kamin zurück. Tief in den Sessel gesunken, fast liegend unter der emotionalen Last der letzten Tage und einer tiefen Erschöpfung, nahm ich das Amulett erneut ab und legte es in die Vertiefung der offenen Schatulle. Und obwohl mir die Augen bereits fast zufielen, versuchte ich im restlichen Licht des verglimmenden Feuers immer wieder, die in die Wände der Schatulle geschnitzten Muster zu erkennen. Was sah ich dort? Menschen, Gebäude, Ereignisse...

Nach kurzer Zeit glitt meine rechte Hand mit der Lupe auf den Sessel, während die linke die offene Schatulle an meine Brust gedrückt hielt. Und obwohl meine Gedanken noch immer versuchten, sich an der Realität festzuklammern, versank ich tiefer und tiefer in den Schlaf...

Bald nachdem ich eingeschlafen war, erlosch auch das Kaminfeuer. Das Zimmer versank in Dunkelheit. Doch nicht gänzlich - von der Schatulle, die auf meiner Brust liegen geblieben war, ging ein sanftes Glimmen aus. Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, genauer hinzusehen... doch ich schlief tief und fest. Mein Medaillon, das in der Schatulle lag, flackerte zuerst leicht, aber die Intensität dieses Leuchtens nahm mit jeder Sekunde zu. Nach einiger Zeit leuchtete nicht nur die leere Stelle des zweiten Medaillons; sondern auch alle Muster auf den Außenwänden der Schatulle begannen ein helles Licht auszustrahlen...

Irgendwann wurde seine Helligkeit so intensiv, dass ein Lichtstrahl aus der Schatulle zur Decke schoss und in einem Reigen aus Hunderttausenden Funken im ganzen Zimmer zerstäubte... Doch es war kein Licht im Sinne unserer gewöhnlichen Wahrnehmung. Diese flirrenden Funken begannen sich zu gruppieren, bildeten Objekte, Bilder und Gestalten, die durch den Raum schwebten. Ihr langsamer Tanz begann sich zu Mustern zu verflechten, von denen jedes ein Traum war, den mir das Licht eingab.

Ich schlief im Sessel, während um mich herum all jene Ereignisse Gestalt annahmen, die ich bereits gestreift hatte, als ich ihre Hand hielt oder ihre Lippen berührte. Damals war mein Verstand nicht fähig, sie aufzunehmen. Aber jetzt... Jetzt schlief mein Verstand. Und mein Bewusstsein verschmolz auf unerklärliche Weise mit dem Bewusstsein der Frau, die ich so verzweifelt suchte. Es war ihre Erinnerung, ihre Freuden und Leiden, ihr beschwerlicher Weg in den Zeiten, als Licht leicht mit Dunkelheit zu verwechseln war... Es war ihr Leben, so wie es nur ihr allein bekannt war.

***

Ihre Eltern blieben ihr nicht im Gedächtnis. Sie waren gestorben, noch bevor sie ein Alter erreicht hatte, in dem sie eine Erinnerung an sie hätte bewahren können. Gemeinsam mit ihren zwei Schwestern - die eine älter, die andere jünger als sie - lebte sie in dem alten, teils verfallenen Elternhaus am Rande der Stadt. Die älteste Schwester versuchte Tag und Nacht Nahrung herbeizuschaffen, um sie und die Jüngste durchzufüttern. Doch Geld und Essen waren immer knapp. Es gelang ihnen nicht, genug Brennholz für den Winter zu sammeln, und letztendlich starb die älteste Schwester in einem der strengen Winter an einer schweren Erkältung. Sie selbst begrub ihre Schwester und bot all ihre Kraft auf, um die Jüngste durchzubringen. Doch eines Tages fand sie auch diese Schwester leblos vor. Die Nachbarn sagten ihr, dass diese an Typhus gestorben sei und dass niemand ihr da hätte helfen können. Am Morgen, nachdem sie die Jüngste neben der Älteren beerdigt hatte, wurde sie abgeholt, um in ein Kloster gebracht zu werden. Beim Abschied von dem Ort, an dem sie Not und Leid mit ihren Angehörigen geteilt hatte, nahm sie sich vor, einmal Ärztin zu werden. Sie wollte lernen, damit Kinder nicht mehr jene verlieren mussten, die ihnen wichtig sind, und damit niemand jemals so einsam zurückblieb, wie sie es nun war.

Die Schwestern im Kloster erkannten vom ersten Tag an ihren Lerneifer und teilten gerne all ihr Wissen mit ihr. Sie wiederum sog alles auf wie trockenes Moos die Feuchtigkeit. Sie lernte nicht nur Lesen und Schreiben. Eine der Schwestern, eine Kräuterkundige, gewann sie lieb wie eine eigene Tochter - und sie weihte sie in die Geheimnisse ihrer Heilkunst ein. Sie lehrte sie, die Natur der Arzneien und ihre Wirkung auf den Menschen zu verstehen. Dieses Wissen fiel auf fruchtbaren Boden. Jede Saat ging auf.

Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich, indem sie den örtlichen Apothekern Kräutermischungen brachte. Diese bemerkten bald das junge Mädchen und ihr ungewöhnliches Wissen. Einer von ihnen bot ihr eine Stelle an. Er war ein alter Mann, der niemanden mehr auf der Welt hatte. Sie wiederum war bereit, in der Apotheke zu leben und ohne jede Bezahlung zu arbeiten, solange sie nur die Möglichkeit hatte, weiter zu lernen. Und diese Gelegenheit wurde ihr hier zuteil.

In die Apotheke kamen nicht nur die Bürger der Stadt, um Arzneien zu kaufen, sondern auch Ärzte. Der Apotheker traf mit den Medizinern Abmachungen: Im Austausch für Preisnachlässe bat er sie, das Mädchen in ihrem Handwerk zu unterweisen. Und sie lernte Tag und Nacht: half bei den Untersuchungen der Kranken und pflegte sie. Obwohl sie eine schöne junge Frau war und immer wieder die Aufmerksamkeit einflussreicher und wohlhabender Kunden auf sich zog, wies sie alle ab. Ihr Interesse galt einzig den Kräutern, Rezepten, Arzneien und dem Heilerfolg. Sie experimentierte mit neuen Kräutermischungen, die sie oft an sich selbst prüfte. Dank ihrer Hilfe konnten auch die Klosterschwestern, die sie einst aufgezogen hatten, den Armen beistehen.

Kurz vor seinem Tod rief der Apotheker sie zu sich und stellte ihr einen Mann vor, der sich als Vertreter der Gilde der Ärzte erwies. Dieser gratulierte ihr und händigte ihr ein Dokument aus: Von nun an durfte sie sich Ärztin nennen und eine eigene Praxis führen. Als der Mann gegangen war, sank sie auf die Knie und dankte dem Apotheker unter Tränen dafür, dass er ihr geholfen hatte, ihren größten Lebenswunsch zu verwirklichen.

„Weine nicht, mein Kind“, sagte er zu ihr. „Dieses Dokument hat mich nur Geld gekostet, das ich ohnehin niemandem hinterlassen kann. Du bist mir wie eine Tochter geworden, und ich weiß, wovon du träumst. Eine bessere Verwendung für dieses Geld hätte ich gar nicht finden können. Zudem ist es nur ein geringer Dank für deine Mühen. Denn du bist wahrlich eine Ärztin von Gottes Gnaden, ganz im Gegensatz zu jenen, die sich dieses Papier bloß erkauft haben.“

Einige Monate später verstarb der Apotheker und vermachte ihr die Apotheke. Sie führte sein Geschäft fort, brachte jedoch ihre eigenen Regeln ein. Wohlhabende Kunden zahlten wie bisher für die Arzneien, doch die Armen erhielten sie umsonst. Sie versorgte die Schwestern im Kloster mit Medikamenten, damit die Schwestern auch Kranke heilen konnten, denen Heilkräuter allein nicht mehr halfen.

Unterdessen gingen ihre Mittel langsam zur Neige: Manchmal konnte sie sich nicht einmal Essen leisten. Von der Renovierung der Apotheke war gar nicht zu reden, und im Winter mangelte es sogar oft am Nötigsten - an Brennholz. Doch die Menschen sahen das. Wenn auch nicht alle, so gab es doch einige, die ihr dankbar waren. Die einen halfen ihr bei der Renovierung, die anderen brachten Holz. Die Nachbarinnen boten ihr gerne das Essen an . Sie war zu jemandem geworden, der aufrichtig jedem half - und dem nun andere ebenso aufrichtig beistanden.

Doch in ihr lebte noch etwas Besonderes. Tief in ihrem Herzen brannte der Glaube, dass Kinder nicht leiden dürfen und Krankheiten nicht jene holen sollten, die das Leben erst noch vor sich haben. Dieser Wille zu retten, eine besondere Kraft - vielleicht sogar ein Segen von oben- und natürlich ihre Begabung - all das half ihr beim Heilen.

In der Apotheke konnte gewiss jeder seine Arzneien besorgen, doch als Ärztin suchte sie vor allem kranke Kinder auf. Nur in dringenden Notfällen half sie auch Erwachsenen. Ihre kleinen Patienten freuten sich jedes Mal auf ihr Kommen. Sie erzählten, dass der Schmerz nachließ, sobald sie ihre Hand nahm und mit ihnen sprach. Etwas Unfassbares geschah dort, wo die Arzneien jener Zeit häufig hätten versagen müssen. Aber sie wirkten! Oder lag es möglicherweise gar nicht an ihnen? Wie dem auch sei - geholfen war letztendlich.

Für die Behandlung von Kindern nahm sie niemals Geld. Sie sagte, sie tue dies im Gedenken an ihre Schwestern, die sie hätte retten können, wäre sie damals schon Ärztin gewesen. Mithilfe der Leute renovierte sie ihr Elternhaus und baute es aus, um dort ein gemütliches Heim für Waisenkinder einzurichten. Die Obhut über das Heim übernahm das Kloster, in dem sie aufgewachsen war. Sie selbst wohnte weiterhin in der Apotheke, um jederzeit zur Stelle zu sein, wenn man sie brauchte.

War sie glücklich? Unendlich! Sie hätte sich kein anderes Leben gewünscht. Menschen zu heilen, war ihre Bestimmung, und dieser gab sie sich ganz und gar hin.

Doch eines Tages suchte die Pest ihre Welt heim. All das Leid, das über die Menschen hereinbrach, wurde auch zu ihrem Leid. Sie wollte jeden retten — doch was konnte sie dieser schrecklichen, tödlichen Krankheit entgegensetzen?

Sie bot all ihr Wissen und all ihr Können auf. Doch die Pest war ein grausamer und mächtiger Feind. Dennoch gab sie nicht auf. Bis zur völligen Erschöpfung und unter ständiger Gefahr, sich selbst anzustecken, versuchte sie, jedem beizustehen. Und tatsächlich genas ein Großteil ihrer Patienten - weit häufiger als anderswo. Vor allem unter den Kindern gab es viele Überlebende. Hatte sie Angst, selbst zu erkranken? Nein. Sie hatte nur Angst davor, nicht allen helfen zu können. Ihr eigenes Schicksal kümmerte sie nicht im Geringsten.

Doch wie bei jedem Schiff auf hoher See gibt es auch im Leben Klippen, an denen Sturm und Wellen alles zerschellen lassen können. Von einer solchen Erschütterung blieb auch sie nicht verschont.

Die Kunde von einer Ärztin, die Kinder rettete, verbreitete sich in der ganzen Gegend. Eines Morgens fuhren Soldaten vor. Sie pochten an ihre Tür und erklärten, sie müsse auf Aufforderung einer hochrangigen Person mit ihnen kommen müsse. Auf ihren Einwand, dass bei ihr alle Menschen gleich seien, entgegneten sie nur, es gebe da nichts zu diskutieren: sie müsse mitkommen, ob freiwillig oder mit Gewalt.

Fügte sie sich ihnen? Gewiss nicht!

So wurde sie gewaltsam in das Haus des neuen Richters gebracht. Er trat ihr entgegen, ließ die Soldaten gehen und sagte ihr, sein Kind sei krank. Sie müsse es heilen. Sollte sie jedoch jemandem davon erzählen, würde er ihr eigenhändig die Zunge herausschneiden und sie als Hexe auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

Er stieß sie in den Raum, in dem sich sein kranker Sohn befand, und schlug die Tür hinter ihr zu. Auf dem Bett lag ein Jüngling. Er sah sie an und fragte mit weit geöffneten Augen: „Grüß dich! Bist du gekommen, um mich zu heilen?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie. Sie trat näher zu ihm und bemerkte erst jetzt, dass im Zimmer außer dem Bett nur eine Staffelei und zwei Stühle standen; die Wände hingegen waren dicht mit Gemälden bedeckt. Doch der geschulte Blick der Ärztin entgingen auch der Eimer mit den blutigen Lappen und das geronnene Blut auf seinen Lippen nicht.

„Bist du Künstler?“, fragte sie. „Dein Vater liebt dich sehr.“

„Nun, nicht ganz“, lächelte er gequält, indem er versuchte, einen Hustenreiz zu unterdrücken. Er schlug die Decke ein Stück zurück, um ihr seine Beine zu zeigen. „Ich kann seit meiner Kindheit nicht mehr laufen. Diener tragen mich zum Stuhl, damit ich malen kann. Seit ich vom Pferd gefallen bin und meine Beine versagten, hat mein Vater dieses Zimmer kein einziges Mal mehr betreten. Und was seine Liebe betrifft — nun, er liebt die Bilder, die ich auf sein Verlangen für seine Freunde malen muss. Meinem Talent sei es zu verdanken, dass er bei vielen einflussreichen Leuten Gunst fand. So ist er Richter geworden.“

„Aber wie malst du sie denn, wenn außer Dienern niemand hierherkommt?“

„Dort drüben, siehst du die Öffnung in der Wand, nah am Boden? Wenn Gäste bei meinem Vater sind, legen mich die Diener auf den Boden. Ich beobachte ihre Gesichter und male sie danach. Und wenn ich schlecht male, werde ich geschlagen.“

„Aber das ist ja grausam!“

„Grausam? Viel grausamer ist, dass mein Vater jedem, der hier eintritt, droht, die Zunge herauszuschneiden, nur um das Geheimnis zu wahren, dass er seinen Sohn gefangen hält. Und er hat seine Drohungen bereits mehrmals wahrgemacht. Das ist die Grausamkeit... Wahrscheinlich hat er dir dasselbe angedroht. Aber was die Grausamkeit an sich betrifft... die Welt selbst ist grausam. Als du hereinkamst, sah ich deine Augen. Du bist voller Güte, doch in ihrer Tiefe liegt eine verborgene Traurigkeit. Es steht mir also nicht zu, dir von der Grausamkeit der Welt zu erzählen...“

Sie blickte ihn an und sah in ihm einen edlen Menschen, der an der Stelle seines Vaters hätte stehen sollen, anstatt als Krüppel ein bloßes Spielzeug in dessen Händen zu sein. Sie trat noch näher und fragte ihn, ob er sich umdrehen könne.

Er bejahte, etwas verwirrt. Sie tastete seinen Rücken ab und fragte ihn leise, wie er denn den Schmerz ertrage, den seine verletzte Wirbelsäule ihm zufüge. Er antwortete nur, dass der Schmerz über die Taten seines Vaters, den er einst so geliebt hatte und der ihn nun so quälte, viel größer sei. Ein Hustenanfall schüttelte ihn erneut; er griff nach einem weiteren Lappen, presste ihn auf den Mund и warf ihn, blutgetränkt, in den Eimer.

Die dunklen Flecken, die sie auf seinem Rücken und seinem Körper sah, nachdem er sich mühsam umgedreht и das Hemd hochgeschoben hatte, ließen keinen Zweifel zu.

„Weißt du, dass du sehr krank bist?“, fragte sie sanft.

„Nein“, sagte er, „doch der Schmerz, den ich in meinem Inneren fühle, und das, was ich in deinen Augen sehe, geben mir eine klare Antwort auf deine Frage. Ich spüre, dass mein Leben, das eine einzige Qual war, bald ein glückliches Ende finden wird.“ Bei diesen Worten lächelte er sogar leicht, trotz der Schmerzen. „Ich glaube an Gott und hätte mir nie das Leben genommen. Doch wenn es nun endlich soweit ist und ich nach Seinem Willen gehen darf, so nehme ich dies mit Dankbarkeit an.“

Für sie war es unbegreiflich, welch ungeheure Willenskraft man besitzen muss, um so die Haltung zu bewahren. Die Form der Pest, die sie erkannt hatte, war äußerst selten, doch sie tat schreckliche Dinge mit dem menschlichen Körper, begleitet von unerträglichen Schmerzen. Alle Anzeichen an seinem Leib deuteten auf einen qualvollen Tod in den nächsten Stunden hin. Bei dieser Krankheit hätte er eigentlich nicht einmal ruhig daliegen können, doch er sprach, er lächelte... Wie viel Kraft musste in diesem geschundenen Körper des Jünglings verborgen sein!...

„Vergib mir, ich kann dich nicht heilen, aber ich kann deine Schmerzen lindern! Ich habe Arzneien mit, die dir helfen werden“, sagte sie zu ihm.

„Nein“, antwortete er. „Das möchte ich nicht. Mein ganzes Leben war Schmerz schlechthin; er wurde zu meinem Gefährten in meiner Einsamkeit. Ich will nicht, dass er vor mir geht. Möge er gemeinsam mit mir sterben. Vielleicht bleibt für jemand anderen weniger von dem Schmerz übrig, wenn ich meinen Anteil mit mir aus dieser Welt nehme.

Und wieder holte sie dieselbe quälende Frage ein: Wie kann nur das Schicksal jene zu sich nehmen, die ihre Weisheit und ihr Verständnis des Lebens mit anderen teilen sollten? Doch das Schicksal ist grausam, und wer, wenn nicht sie, wüsste das besser.

Was kann ich aber für dich tun?“, fragte sie.

„Ich möchte dich zeichnen“, antwortete er. „Aber nicht so, wie ich die Freunde meines Vaters gezeichnet habe - aus der bloßen Erinnerung, fast blind... Ich möchte zum ersten Mal in meinem Leben einen Menschen zeichnen, den ich wirklich vor mir sehe. Verbringe diesen Tag mit mir! Ich bitte dich darum!“

Und sie konnte ihm diesen Wunsch nicht abschlagen. Sie selbst hob ihn auf den Stuhl vor der Staffelei und setzte sich ihm gegenüber. Sie unterhielten sich, während er zeichnete. Doch gegen Abend, nach einem weiteren sehr schweren Hustenanfall, bat er sie zu gehen.

„Meine Zeit ist gekommen, deshalb musst du schon gehen. Während ich dich zeichnete, sah ich die Narben auf deinem Herzen. Ich möchte nun nicht, dass eine weitere hinzukommt. Ich will dir dieses Porträt nicht zeigen, aber ich verspreche dir: Es ist wunderschön. Ich habe es nicht mit dem Verstand gezeichnet, denn ich bin nicht mehr fähig, ihn zu kontrollieren, und auch nicht mit den Händen, die mir nicht mehr gehorchen. Ich habe es mit meinem unendlichen Schmerz gezeichnet, dem Schmerz, der mich von innen heraus restlos verzehrt. Ich weiß nicht, was das Schicksal für uns alle bereithält, doch hier, an der Schwelle zwischen Leben und Tod, wo ich den Bezug zur Realität langsam verliere, kann ich dir sagen, was ich erkenne: Eines Tages wird dieses Porträt dir Glück bringen. Ich weiß nicht, woher dieses Wissen bei mir kommt; ich weiß nur, dass es so sein wird...“

„Und jetzt geh bitte.“

Sie trat an ihn heran, bettete ihn zurück in die Kissen, deckte ihn zu, umarmte ihn und sagte, dass ihr Herz zwar schon viele Narben habe, doch nur zwei davon seien die allerschlimmsten. Nun würden es drei sein.

Sie wandte sich um, ging hinaus und schloss die Tür. In diesem Moment fühlte sie, dass mit ihr auch seine Seele diesen Raum verließ. während ihr die Tränen über die Wangen liefen, fand sie Trost in dem Gedanken, dass es ihm nun gewiss leichter geworden war. Sie konnte aber nicht lange allein mit ihren Gedanken bleiben. Vor der Tür erwartete sie der Richter.

„Hast du ihn geheilt?“, fragte er sie.

„Nein. Seine Krankheit ist unheilbar. Ich hätte ihn nicht retten können. Wie auch nichts Eure Seele retten kann, angesichts dessen, was Ihr demjenigen angetan habt, den Ihr einst liebtet. Ihr verdient es nicht, ein Richter zu sein. Ihr verdient es, selbst für Eure Taten gerichtet zu werden!“

Er hob die Hand und schlug ihr mit aller Kraft ins Gesicht.

„Abschaum! Wie wagst du es, so mit mir zu reden?“

In diesem Moment drang ein gellender Schrei aus dem Zimmer, das die Dienerschaft gerade betreten hatte:

„Er ist tot!“

Der Richter betrat den Raum, ein Tuch vor das Gesicht gepresst. Nur einen Augenblick später stürmte er wieder heraus und brüllte seinen Dienern zu:

„Sie ist eine Hexe! Auf seinem Körper sind schwarze Flecken von ihren Flüchen! Ruft die Wachen, sie sollen sie in den Kerker werfen! Ich verurteile sie zum Tode durch das Feuer, und morgen im ersten Morgengrauen wird das Urteil vollstreckt! Man soll sogleich den Scheiterhaufen errichten!“

Man führte sie in die Zelle. Hatte sie Angst? Nein. Ihr ganzes Leben lang hatte sie Angst um andere verspürt, doch niemals um sich selbst. Und auch heute fürchtete sie nur um jene, die sie nun nicht mehr würde retten können. Sie wusste auch, dass sie niemandem mehr helfen konnte, während sie mit gefesselten Händen im städtischen Kerker saß. Verzweiflung und das Gefühl der Ungerechtigkeit erfüllten ihr Herz mehr und mehr...

In diesem Augenblick hörte sie plötzlich eine Stimme. Sie drang durch das Gitter, das ihre Zelle von der benachbarten trennte:

„Komm näher, mein Kind. Erfülle das Herz, dem stets nur Liebe innewohnte, nicht mit Zorn!“

Sie stand auf und trat an das Gitter heran. Im schwachen Schein einer Fackel, die an der Wand brannte, erblickte sie einen alten Mann, der auf der anderen Seite des Gitters ihr gegenüber stand.

„Du kennst mich nicht, doch ich beobachte dich dein ganzes Leben lang. Ich wusste, dass ich eines Tages hier stehen und mit dir sprechen würde. Und obwohl ich es im Voraus wusste, hätte ich jetzt dennoch kaum die rechten Worte finden können. Dennoch versuche ich es, und vielleicht wirst du mich verstehen. Dieses Jahrhundert ist nicht nur durch die Pest verflucht. Du bist auch krank, aber deine Krankheit ist von einer ganz anderen Art - du bist krank vor Liebe zu den Menschen. Und in diesem Jahrhundert ist das nicht weniger tödlich als die Pest.

Du hast viele geheilt, doch du hast nicht bemerkt, dass deine Kräuter und Arzneien sich kaum von denen anderer unterschieden. Was heilte, war eben deine unendliche Güte und Hoffnung, die du in diese Welt gebracht hast. Genau sie hat die Wunder vollbracht! Unglückseligerweise wird die Liebe nur viel zu oft mit dem Tode bezahlt. Allerdings das wird nicht immer so sein, und deine Gabe darf nicht den finsteren Zeiten und Menschen zum Fraß vorgeworfen werden. Komm näher zu mir!“

Obwohl sie nicht zur Gänze begriff, wovon er sprach, beruhigte sie seine Stimme. Sie trat noch näher an das trennende Gitter heran.

„Setz dich“, sagte er und holte ein altes Kästchen aus Holz hervor. Er öffnete es und entnahm daraus ein hölzernes Medaillon. Er streckte seine Hände durch die Gitterstäbe, legte das Medaillon ihr um den Hals und sprach:

„Nimm es niemals ab. Eines Tages wird es so weit sein: Die Welt wandelt sich, und die Liebe hört auf, eine Krankheit zu sein… Eines Tages wird es dich zu jenem führen, der deiner würdig ist… Doch bis dahin… bis dahin wird dich die Ewigkeit behüten, und du wirst das tun können, dem du dein Leben gewidmet hast. Du wirst, genau wie heute, dein Licht weitertragen…“

„Aber wie? Morgen früh werde ich ja hingerichtet.“

„Fürchte dich nicht, mein Kind. Du bist ein Teil des Lebens, und der Tod… der Tod ist nur dessen Schatten. Und niemals, seit Anbeginn der Zeit, kann derjenige im Schatten stehen, der eben selbst das Licht ausstrahlt…“

Er legte ihr die Hand auf die Augen und fing ihren im nächsten Augenblick eingeschlafenen Körper auf…

„Schlaf nun… Du wirst noch sehr lange nicht mehr dazu kommen. Dein Weg war bereits vor deiner Geburt gezeichnet, doch die Bestimmung eines Menschen bleibt nur eine Möglichkeit, bis er sie ergreift. Du hast diese Verheißung nicht nur angenommen, du bist den Weg auch wahrhaftig gegangen. Auch wenn du jetzt, in diesem Moment, noch nicht einmal ahnst, dass dies erst der Anfang ist.“

Er saß da und sah sie an, während sie friedlich schlief. Zum ersten Mal seit vielen Jahren - ohne Alpträume, ohne ständige Angst um ihre Patienten.

Am Morgen wurde sie von der Wache geweckt. Einer von ihnen rief:

„Seht euch das nur mal an, wie süß sie schläft! Als läge sie da auf Federn und nicht kurz vor ihrer Hinrichtung. Aufstehen, Hexe! Du wirst heute wohl ganz allein das Gesindel belustigen. Außer dir gibt es heute halt niemanden zu verbrennen, das ganze aufgesparte Holz gehört nur dir. Das wird ein prächtiger Scheiterhaufen werden. Der Richter hat ja angeordnet, der schaulustigen Menge mal so richtig eine ordentliche Augenweide zu bescheren.“

Doch ihre Worte interessierten sie nicht. Das hölzerne Medaillon fest umschließend, das an ihrem Hals hing, blickte sie in die leere Nachbarzelle und fragte, wo der Greis geblieben sei, der in der Nacht dort war. Die Wachen tauschten vielsagende Blicke aus. „Völlig übergeschnappt“, brummte einer von ihnen. „Hör mal, Hexe, da ist niemand. Und in deiner Zelle wird auch bald niemand mehr sein. Was versteckst du da eigentlich in deiner Hand? Zeig her! Ist das Gold? Wir können es gebrauchen, dir nützt es ja doch sowieso nichts mehr.“

Obwohl sie sich wehrte, zwang einer der Wächter ihre Finger auf. Doch als er nur das hölzerne Medaillon sah, verzog er enttäuscht das Gesicht: „Dieses Stück Holz wird nur noch mehr Hitze geben, um dein schwarzes Herz zu rösten.“

„Warte mal“, murmelte der andere Wächter plötzlich. „Beinahe hätten wir unsere Köpfe riskiert! Der Richter hat befohlen, ihr einen Sack über den Kopf zu ziehen, damit sie niemanden verfluchen könnte, während sie brennt.“

„Aber das Volk will doch sehen, wie die Hexe sich im Feuer windet!“

„Tut mir leid, aber das Volk liebt es auch, wenn den Wachen die Köpfe abgeschlagen werden. Und ich habe verdammt nochmal keine Lust, die Meute mit meinem eigenen Kopf zu belustigen!“

Einer der Wächter stülpte ihr einen Sack über den Kopf. Sie schubsten sie in den Hof hinaus und führten sie zum nahegelegenen Marktplatz. Gewohnheitsgemäß wartete die Menge bereits ungeduldig auf die Hinrichtung, denn sie gehörten damals zu den beliebtesten Massenvergnügen. Doch während das Holz normalerweise für mehrere Hinrichtungen eingeteilt wurde, hatte man es diesmal zu einem gewaltigen Haufen zusammengetragen...

Beim Anblick dieser Holzmenge begriffen die Leute, dass diese Hexe etwas ganz Besonderes sein müsse, doch sie waren enttäuscht, ihr Gesicht nicht sehen zu können. Aus der Menge wurden Rufe laut, die forderten, ihr den Sack vom Kopf wegzureißen, sonst wäre das Vergnügen nicht vollkommen. Doch die Wachen ignorierten dieses Geschrei.

Als der Henker sie festband, bat sie: „Ich flehe Euch an: Lasst meine Hände frei.“

„Nein, Hexe, alles wird nach Vorschrift ablaufen. Oder warte: Das Gesindel sieht ja dein Gesicht wirklich nicht, also werden wir ihnen nicht den Spaß verderben: Binden wir dich eben fester an, lassen dafür aber deine Arme frei… Dann kannst du den Leuten wenigstens zum Abschied zuwinken, während du geröstet wirst!“

Schließlich stand sie da, an einen hölzernen Pfahl mitten auf dem Platz gebunden, auf einer weiten, mit Holz bedeckten Stätte. Der Richter war der Hinrichtung ferngeblieben; das Urteil verkündete stattdessen sein Gehilfe. Nach der Verlesung entzündete die Stadtwache das Holz ringsherum. Doch damit das Schau nicht zu lange dauerte, wurde der Menge erlaubt, heranzutreten und mit bereits brennenden Scheiten jene Stellen zu entfachen, die noch kein Feuer gefangen hatten.

Die Menge raste und dürstete nach dem Tod. Sie wollten eine weitere Hexe brennen sehen. Die Angst vor der Pest war so groß, dass sie in jedem die Schuldigen für dieses schreckliche Unheil sahen, und so gab es für niemanden eine Hoffnung auf Gnade... Es interessierte keinen, wer dieser Mensch auf dem Scheiterhaufen eigentlich war. Sie warteten auf die Schreie, warteten darauf, wie man sich vor Schmerz winden würde. Nur das zählte in ihrem blinden Wahn.

Sie stand aber still da, mit beiden Händen das Amulett auf ihrer Brust umschlossen. In dem Moment, als das Feuer sie endgültig erreichte und die Hitze es niemandem mehr erlaubte, sich dem Scheiterhaufen auf mehr als zehn Meter zu nähern, Sie stand aber still da, beide Hände fest um das Amulett auf ihrer Brust geschlossen. In dem Moment, als das Feuer sie endgültig erreichte und die Hitze es niemandem mehr erlaubte, sich dem Scheiterhaufen auf mehr als zehn Meter zu nähern, rissen gewaltige Böen heißer, aufsteigender Luft den Sack von ihrem Kopf weg.

In diesem Moment sahen alle Menschen auf dem Platz, wer sie war - die Hexe, die sie verbrennen wollten. Ihr wahnsinniger, rachsüchtiger Geist, ihre blutunterlaufenen Augen… all das schlug augenblicklich in nacktes Entsetzen um.

Vor ihnen stand nun jene Frau, der viele von ihnen ihr Leben verdankten. Diejenige, die ihnen kostenlos Arzneien gegeben hatte. Diejenige, die ihre Kinder geheilt und gerettet hatte! Jene, zu der sie gekommen waren, um ihr im Haushalt zu helfen oder ihr Essen zu bringen, während sie sich um die Kranken kümmerte. Sie war für viele mehr gewesen als nur eine Ärztin oder eine Apothekerin, die kein Geld verlangte. Sie trugen sie in ihren Herzen wie eine Mutter oder eine Tochter.

Und eben erst hatten diese Menschen mit eigenen Händen das Feuer entfacht, auf dem die Frau nun stand! Dieser Augenblick des Schocks schien eine Ewigkeit zu dauern.

Die Menge starrte zu ihr auf, mit einem Flehen und der Bitte um Verzeihung, während die Verurteilte sie mit Augen ansah, die voller Tränen und Verstörung waren, gleichzeitig aber voller Vergebung.

Doch so lange dieser Augenblick auch währte, er ging zu Ende, und die Menschen stürzten vor, um die Flammen zu löschen. Wegen der Hitze war es unmöglich, sich dem Scheiterhaufen zu nähern, doch viele hielt das nicht auf. Mit bloßen Händen griffen sie nach den brennenden Scheiten, um das Feuer zu ersticken. Ihre Kleidung begann schon zu brennen. Selbst durch den Schlaf hindurch spürte ich, wie ihre Verbrennungen schmerzten... Doch alles war vergeblich... Viel zu spät offenbarte sich ihnen, wer da vor ihnen stand…

An jenem Tag tötete die Menge nicht nur die Wachen, die sie zur Hinrichtung geführt hatten - sie zerfleischten auch den Henker. Dann fanden sie den Richter, banden ihn auf dem Dach des Hauses fest und verbrannten ihn dort – zusammen mit dem Haus.

Keine Stadtwache versuchte, sie aufzuhalten. Jeder wusste, dass die Menge keine Rache übte, sondern ein gerechtes Urteil vollstreckte!

Man konnte sie gar nicht bestatten… Der Scheiterhaufen hatte sie gänzlich aufgezehrt, bis nichts mehr von ihr übrig war. Nur die Asche des Feuers wurde über den Gärten des Klosters verweht, in dem sie aufgewachsen war.

Ein paar Tage später fand ein alter Mann in der Asche des Richterhauses ihr Porträt - es war vom Feuer unversehrt geblieben. Er trug es auf den Platz - dorthin, wo die Bürger Blumen niederlegten. Nach einigen Tagen fügte ein unbekannter Künstler auf dem Porträt ein Amulett hinzu, und auf der Rückseite des Bildes erschien eine Inschrift - mit der die Einwohner der Stadt sie um Vergebung baten…

Ihr Urteil wurde aufgehoben und in einen Freispruch verwandelt. Das Bild wurde ins Rathaus gebracht, doch später ging es in der Geschichte auf, um darin seinen eigenen Weg zu finden. Und Hexenverbrennungen gab es seitdem keine mehr…

Und sie… Was wurde aus ihr?

Das Feuer erschafft Licht. Es ist ja schließlich ein Teil dessen. Und Licht kann dem Licht keinen Schmerz zufügen - es kann es nur aufnehmen. Und es nahm sie auf. Ohne Schmerz und Qual. Denn die Ewigkeit hatte ihre eigenen Pläne für sie. Sie löste sich nicht in der Unendlichkeit auf und wurde auch zu keinem neuen Glühwürmchen. Sie schien für eine Weile innezuhalten, in Erwartung des Augenblicks, in dem die Liebe sie wieder wecken würde... Doch Licht kann nichts anderes, als zu leuchten - und sie leuchtete. Sie leuchtete auf dem Weg, der ihr vorbestimmt war. Dort, wo sie ihr ganzes Leben lang geleuchtet hatte.

Sie blieb unter denen, die sie brauchten. Die Brandwunden an den Händen derer, die versucht hatten, das Feuer zu löschen, wurden geheilt, ohne die Narben zu hinterlassen. Und noch viele Jahrhunderte lang kam sie immer wieder zu jenen, deren Licht zu erlöschen begann... Der Greis hatte sein Versprechen gehalten. Als Lichtwesen trug sie das Licht weiter zu anderen und entfachte es in den Seelen derer, die von der Dunkelheit umhüllt wurden. Jede Nacht, jahrhundertelang, erfüllte sie ihre Bestimmung - sie kam in die Häuser, sie kam in die Hospitäler... Wie auch zuvor reichte sie nicht für alle. Doch jetzt hatte sie Zeit. Unendliche Zeit.

Und manchmal zeigten Kinder, die abends am See spazieren gingen, in eine Richtung, in der niemand zu sehen war, und sagten: „Mama, ich kenne diese Frau. Sie kam zu mir, als ich krank war.“ Doch nur wenige Erwachsene, in deren Herzen die Fähigkeit, das Licht zu sehen, noch nicht erloschen war, konnten sie ebenfalls erblicken - jene, die man Jahrhunderte später das Gespenst der Alster zu nennen begann. Ein Gespenst, das zu Lebzeiten wie auch nach dem Tod das Licht in sich trug und dem dazu verhalf, in den Seelen derer, die daran glaubten, nicht zu vergehen.

Und eines Tages begegnete sie ihm - dem Jungen am See, der sie, die inmitten Lichts schlummerte, erwachen ließ. Ja, es war bloß nur ein Augenblick im Vergleich zu den Jahrhunderten ihres Schlafes. Doch er hatte noch die Chance, sie ganz zu wecken, sie in das Leben zurückzuholen, das sie nie hatte leben dürfen.

Ich wachte auf … Wie lange hatte ich geschlafen? Vielleicht nur ein paar Augenblicke. Und hatte ich überhaupt geschlafen? Meine Hände schmerzten furchtbar, und als ich auf sie hinabblickte, sah ich darauf schwere Brandwunden…

Nein, es war kein Traum. Und nein, aus irgendeinem Grund war die Schatulle nicht mehr in meinen Händen.

JUNGFERNSTIEG

Ich sprang aus dem Sessel auf und eilte, ungeachtet der brennenden Schmerzen an meinen Händen, zum Schlafzimmer meines Großvaters. Ich konnte nicht bis zum Morgen warten; ich wollte ihm alles jetzt schon, sofort erzählen. Doch sein Schlafzimmer war leer, und das Bett sah so aus, als hätte er sich den ganzen Abend gar nicht hingelegt. Ich schloss die Tür und ging hinüber in sein Arbeitszimmer.

Als ich die alte Eichentür öffnete, bot sich mir ein erstaunlicher Anblick: Die Türen aller Bücherschränke standen weit offen. Überall im Raum lagen Bücher - aufgeschlagen oder zugeklappt -, nicht nur auf dem Tisch und dem Sofa, sondern auch auf dem Boden und dem Fensterbrett... Der Schreibtisch war übersät mit Papieren, auf denen nicht nur Texte zu sehen waren, sondern auch eingescannte und vergrößerte Bilder der Seitenwände der hölzernen Schatulle. Die zwei Monitore, an denen er für gewöhnlich arbeitete, zeigten zwei laufende Videokonferenzen mit jeweils mehreren Teilnehmern, von denen ich einige erkannte. Es waren Freunde meines Großvaters, Experten für Malerei und Antiquitäten. Auf den Bildschirmen waren Fotos meines hölzernen Medaillons, des Gemäldes aus dem Museum und des Flügels zu sehen...

Mein Großvater selbst saß völlig zerzaust mitten im Zimmer auf dem Boden, wühlte in den Papieren und sprach weiter in das Mikrofon der Konferenz. In seinen Händen hielt er das mir vertraute Buch über die Bebauung des Stadtzentrums rund um die Alster.

„Hallo!“, sagte ich völlig verwirrt. „Was ist hier los?“

Er sah mich an, doch sein Blick blieb an meinen Händen hängen… „Brennt es bei uns? Was ist mit deinen Händen passiert?“

„Nicht wichtig, das ist eine lange Geschichte…“

„Nun, du wirst sie mir zuerst mal erzählen müssen, ich habe ja heute sowieso beschlossen, nicht schlafen zu gehen. Aber bevor ich dir erzähle, was ich entdeckt habe, erzähl du mir deine Geschichte. Sie könnte ja meine Theorie ergänzen oder eben widerlegen…“

„So, Jungs und Mädels, macht’s gut“, wandte er sich an die Teilnehmer der Videokonferenz. „Heute werde ich mit meinem Enkel unsere verrückte Theorie überprüfen. Sollte sie jedoch stimmen, dann bedeutet das… Na gut, darüber reden wir später…“

Während er meine Hände mit speziellen Brandbinden verband, erzählte ich ihm im Detail alles, was ich gesehen hatte - sei es nun im Traum oder… Aber was war es denn eigentlich?

Nachdem er sich alles angehört hatte, sagte er nachdenklich, dass ich ihn der Lösung zwar nicht nähergebracht, aber glücklicherweise auch nicht weiter von ihr entfernt hätte. Er sagte, er würde die Einzelheiten des Gehörten gern mit mir besprechen, doch im Moment sei es wichtiger, die Vermutung zu prüfen, die bei ihm während des Dialogs mit seinen Freunden aufgekommen war.

Er scherzte, dass - würde man all jene, die gerade noch per Video zugeschaltet waren, zusammen in einen Raum sperren - wohl nicht alle unversehrt wieder davon herauskämen, so tief säßen ihre ewigen fachlichen Differenzen. Historiker, Spezialisten für Mythologie, Mathematik und Quantenphysik, Medien... Alle, die er kannte und die ihm helfen konnten, waren zusammengekommen, um dieses Rätsel zu lösen.

„Opa, ich verstehe es zwar schlichtweg nicht, was all diese Leute damit zu tun haben… Aber wahrscheinlich wirst du mir das später erzählen, was ihr da behandelt habt. Im Moment beschäftigt mich allerdings vor allem die Frage: Was soll ich jetzt tun?“

„Ja, da hast du recht. Darauf gibt es noch keine Antwort. Aber dafür gibt es eine sehr außergewöhnliche Hypothese…“

„Erzähl schon!“

„Gut. Um meine Theorie vollständig zu erklären, müsste ich eigentlich bei den Grundlagen der Quantenphysik und Mythologie anfangen und dich dann zum Kern der Sache führen. Die nötige Zeit dafür - ein paar Jahre in deine Ausbildung in diesem Bereich zu investieren - liegt uns jedoch nicht vor, also fange ich von der anderen Seite an.

Über Jahrtausende hinweg suchten die Menschen nach der Wahrheit, ohne die wahre Natur der Dinge ergründen zu können. Und auch wenn wir selbst heute nur über Theorien verfügen, gibt es doch zumindest einige Anhaltspunkte, von denen aus sich weiterdenken lässt. Die Menschen der Antike glaubten, dass eine Art Energie durch das Universum strömt - dessen Existenz ihnen damals noch gar nicht bewusst war. Ihrer Vorstellung nach durchdrang diese Energie die Welt um sie herum oder sammelte sich an bestimmten Orten: in Monolithen, in alten Relikten, an besonderen Stätten. Einer solchen Hypothese zufolge könnten auch gewaltige Baumriesen, die einst überall auf der Erde wuchsen, auch in dieser Gegend, Teil dieses Systems gewesen sein. Ob diese Bäume selbst Quellen dieser Energie waren oder lediglich an Orten ihrer Ströme wuchsen, wissen wir nicht. Letztendlich bleibt ja auch diese Theorie nichts weiter als eine Vermutung.

„Allerdings haben wir heute alle gemeinsam die Schatulle und das Medaillon, das ich bei dir genommen habe, analysiert. Und noch etwas ...“ Er legte zwei ausgedruckte Bilder vor mich hin.

„Was ist denn das?“, fragte ich ihn.

„Gute Frage!“, er lächelte. „Das erste Bild mit dem ausladenden Baum ist gerade das Muster, das in die Innenseite des Flügeldeckels eingeschnitzt wurde.“

„Und das zweite?“, fragte ich ungeduldig.

„Nur nicht so hastig! Tatsache ist, dass ich dasselbe Muster auf der Unterseite der Schatulle gefunden habe... Und nun sieht es so aus, dass das Amulett, das ein unmittelbarer Teil der Schatulle ist, ebenfalls ein Puzzleteil dieses Gesamtbildes ist. Wenn man von deinen Erzählungen ausgeht, dann konnte eben der Flügel sie anziehen und ihr die Kraft geben, in unserer Welt zu verweilen. Diese Schatulle und die beiden Amulette verbinden euch und schlagen somit eine unsichtbare Brücke.“

„Und was nun?“, ich wollte wirklich die Zusammenhänge verstehen.

„Warte! Daraus lässt sich folgern: Sofern all diese Gegenstände miteinander verbunden и aus demselben Material gefertigt sind, der Kontakt bisher aber nur oberflächlich blieb, dann ... dann müssen wir nach einer weiteren, fehlenden Komponente suchen. Und wir alle haben gemeinsam, während du schliefst, danach gesucht. Und ...“

„Habt ihr halt was gefunden?“, meine Geduld war am Ende.

„Ich weiß es noch nicht. Aber wie ich dir schon sagte, habe ich eine Hypothese. Und du wirst sie heute überprüfen müssen, wenn du bereit dazu bist!“

Großvater blickte auf die Uhr und sagte, die Zeit sei sehr knapp. Ich müsse so schnell wie möglich zur U-Bahn-Station Jungfernstieg kommen, bevor sie schließt. Während der Fahrt würde er mir die Details am Telefon erklären.“

Ich sprang ins Auto und schaltete die Freisprechanlage ein. Er erklärte, dass sie eine Verbindung zwischen dem Amulett, der Schatulle, dem Flügel und einem weiteren Gegenstand gefunden hätten, der bisher nicht auf meiner Liste der Puzzleteile stand. Und dieser Gegenstand ist ein hölzernes Wandrelief, das an der U-Bahn-Station Jungfernstieg installiert ist.

Einer Überlieferung zufolge wurde das Relief aus Teilen einer Holzbrücke gefertigt, die früher an jener Stelle über die Alster führte ... Doch was die eigentliche Brücke betrifft – hier spielt sich der entscheidende Teil der Geschichte ab. Diese Brücke dürfte durchaus aus dem Holz einer gewaltigen alten Eiche errichtet worden sein, die seit Urzeiten am Ufer des Sees gewachsen war. Fügt man all diese Puzzleteile zusammen, dann sind die Brücke, das Relief, das Amulett und der Flügel Glieder ein und derselben Kette in dieser Geschichte, in der du nun auch gelandet bist.“

Er fügte hinzu, dass jeder, mit dem er heute Abend gesprochen hatte, diese Vermutungen noch gestern als Scharlatanerie abgetan hätte, doch heute ... heute hätte diese Version eine Daseinsberechtigung. Anschließend sagte er, dass er einen Freund angerufen habe, der die Hamburger Hochbahn leitet, und ihn bat, Zugang zu dem Wandrelief zu gewähren. Er begründete dies damit, dass diese Leistung für das Stadtarchiv bestimmt sei, indem er darauf hinwies, es sei besser, dies nachts durchzuführen, wenn niemand in der U-Bahn ist, und bat um eine Genehmigung für Nachtarbeiten. Und obwohl die Bitte zu so später Stunde nicht besonders logisch erscheinen mochte, wurde die Erlaubnis dennoch erteilt.

„Kapiert! Aber was soll ich tun, wenn ich erst einmal dort bin?“

„Das weiß ich nicht... An diesem Punkt endet mein Verständnis... Aber in Anbetracht all dessen, was bisher geschah, wird dir vor Ort schon etwas einfallen! Und ja, vergiss die Ausrüstung im Wagen nicht! Im Kofferraum! Danksagung machst du mir später!“

Ich kam an, als die U-Bahn-Station schon fast geschlossen war. Jedoch ließ man mich mit der Lichtanlage und der übrigen Ausrüstung passieren. Auf die Frage, wie viel von der Stationsbeleuchtung an bleiben sollte, antwortete ich, dass mir meine eigene professionelle Anlage reicht und das zusätzliche Licht dabei nur stören würde.

Wie oft war ich schon an diesem Ort vorbeigegangen? Dutzende Male? Hunderte? Hätte ich jemals geahnt, dass ich heute mit dem Gefühl der letzten Hoffnung davorstehen würde? Einst ein zufällig erhaltener Teil einer alten Brücke, heute der Schmuck einer U-Bahn-Station - dieses Relief war das Finale meines außergewöhnlichen Weges. Wer hätte darauf eine Antwort geben können? Niemand!

Ich setzte mich vor der hölzernen Säule auf den Boden, die Schatulle in den Händen, bis das Licht erlosch. Ich musste nachdenken, denn das Puzzle, das mich hierhergeführt hatte, war noch nicht vollständig zusammengesetzt. Die Dunkelheit hatte mir schon immer geholfen, mich zu konzentrieren. Doch als sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, begriff ich, dass es doch aus irgendeinem Grund keine vollkommene Dunkelheit gab ... Selbst mit geschlossenen Augen konnte ich ein Leuchten sehen...

Als ich die Augen öffnete, sah ich, dass alle Verzierungen der Schatulle leuchteten, und von ihr ging ein kaum wahrnehmbarer Sternenwind in Richtung der Säule aus. Sobald er die Säule berührte, schien er sie mit seiner Energie zu entzünden; sie begann zu schimmern und erstrahlte ganz und gar, als bestünde sie selbst aus der Milchstraße.

Als ich ein leichtes Brennen auf meiner Brust spürte, schaute ich hinunter. Das hölzerne Medaillon leuchtete mit einer solchen Intensität, dass es selbst durch meine Kleidung hindurch sichtbar war. Mit meinen teils verbundenen Händen nahm ich es vom Hals, wandte den Blick zur Säule und machte einen Schritt auf sie zu.

Irgendwo tief in meinem Bewusstsein keimte der Gedanke, dass die Säule und das Amulett ihre eigene Rolle in diesem Puzzle spielen mussten. Doch ich begriff noch nicht, welche. Während ich die Säule aufmerksam musterte, suchte ich nach einem Hinweis. Und meine Hartnäckigkeit wurde belohnt: Ich fand die Stelle, in die das Medaillon perfekt hineinpasste. Je näher ich es an die Säule heranführte, desto heller erstrahlte sie. Einige Augenblicke bevor ich sie mit dem Medaillon berührte, leuchtete die Säule plötzlich heller als die Sonne - und ich musste mir sogar mit der Hand die Augen abschirmen. Sie vibrierte und stieß ein tiefes Grollen aus. Es fühlte sich an, als wolle etwas aus ihrem Inneren hinausdrängen ... Noch ein Moment - und ich ließ es frei...

Zuerst trat eine tiefe Stille ein, das Grollen verstummte - doch das war nur ein flüchtiger Augenblick. Dann kam es mir vor, als sei ich erblindet und mein Körper würde von Milliarden Sonnen durchglüht. In diesem Moment, in der pechschwarzen Dunkelheit meiner eigenen Blindheit, sah ich sie - leuchtend, mitten in der Finsternis stehend. Sie wandte sich mir zu, doch sah mich anscheinend nicht - mit ihren vor Staunen weit geöffneten Augen blickte sie durch mich hindurch.

Noch ein Augenblick - und mein Augenlicht kehrte zurück. Ich saß noch immer vor der Säule. Doch die gesamte U-Bahn-Station hatte sich in den Sternenkessel eines urtümlichen Universums verwandelt. Chaos. Feuer... Doch dieses Feuer verbrannte mich nicht, und das Chaos nahm mehr und mehr die Züge einer sinnvollen Bewegung an. Im Zentrum wirbelte immer schneller ein Mini-Tornado aus Sternenstaub. Er zog alles Licht an sich, bis nach einiger Zeit nur noch seine Säule als dichter Strom inmitten der Station rotierte und leuchtete. Und in einem bestimmten Moment begann dieser wirbelnde Strom sich in einen fließenden Fluss zu verwandeln, der an der Säule entsprang, zu meinen Füßen floss und mich mit sich riss, ihm zu folgen.

Ich schritt auf ihm dahin. Ich folgte dem Pfad, den ich in jenem Moment begonnen hatte, als ich sie zum ersten Mal am See erblickte. Und nun verließ ich die U-Bahn-Station und ging entlang des Sees auf dem fließenden Sternenfluss, bis ich den Ort erreichte, an dem er endete. Doch hat das Licht, das alles um uns herum erschuf, jemals ein Ende? Nein - es erschafft nur einen neuen Anfang! Und während es irgendwohin in die Tiefen der Erde sickerte, weckte es das, was niemals geschlafen hatte.

An der Stelle, wo das Licht in die Erde floss, entspross ein kleiner, zarter Keim. Dann wurde er zu einem dünnen Zweig, zu einem jungen Bäumchen... Und nur wenige Augenblicke später stand am Ufer der Alster ein riesiger, mächtiger Baum - genau jener, der hier vor Jahrtausenden gewachsen war. Doch er bestand aus Milliarden leuchtender Funken. Und er hielt in seinem Wachstum nicht inne! Seine Wurzeln breiteten sich entlang des Ufers aus, und seine Zweige legten sich schützend über die Alster und die ganze Stadt.

Wir alle sind davon überzeugt, die Geheimnisse der Schöpfung zu kennen; wir glauben, kurz davor zu stehen, die Entstehung der Welt zu entschlüsseln und andere Universen erobern zu können. Doch all das war schon immer da, direkt neben uns. Man muss nur hinsehen, in sich hineinhorchen und es begreifen, wie wir mit dem Universum verbunden sind – dass es und wir Teil eines einzigen Ganzen sind. Nur durch unser Handeln und Denken werden wir von ihm entfernt oder umgekehrt näher.

Hat jemand dasselbe jemals gesehen wie ich? Ich weiß es nicht... Eigentlich kam ich gar nicht dazu, darüber nachzudenken. Plötzlich leuchtete mir ein - sie war schon da! Ich hörte ihr Herz schlagen. Zuerst war es nur ein Schlag, dann zwei, dann drei... Und nach wenigen Augenblicken legte sie von hinten ihre Arme um meinen Nacken und flüsterte:

„Du hast es versprochen - und hast mich gefunden. Ich habe daran geglaubt!“

„Ja! Ich habe dir mein Wort gegeben, nicht aufzugeben, bis ich es vollbracht habe!“

„Aber jetzt, da du weißt, wer ich bin - wirst du mich annehmen können?“

„Ich werde dich annehmen, wer auch immer du bist, oder ich werde mit dir gehen!“

„Weißt du, dass ich niemals ganz dein sein kann? Ein Teil von mir wird für immer Licht bleiben. Die Liebe mag das Gewebe der Realität verändert haben, doch sie kann meine Bestimmung nicht ändern. Am Tag werde ich dein sein, doch in der Nacht werde ich als Licht zu den Kindern kommen, um ihren Schmerz zu lindern, um zu heilen und so die Hoffnung zu schenken, wie ich es zu meinen Lebzeiten immer getan habe.“

Ich wandte mich zu ihr, blickte in ihre Augen und sagte:

„Ich weiß, dass wir viele glückliche Jahre gemeinsam verbringen werden. Und eines Tages werde ich zu den Sternen gehen; dann wirst du mich begleiten und dann deinen Weg des Lichts hier fortsetzen. Ich habe längst begriffen, dass du die Verkörperung all dessen bist, was so vielen von uns oft fehlt. Und ich möchte den gesamten Weg, der mir an deiner Seite vergönnt würde, mit dir gemeinsam gehen.“

Sie blickte nach unten auf meine verbrannten Hände und sagte:

„Ich habe dich dort gesehen und wusste schon damals, dass du kommen würdest, um mich zu holen. Du brauchst diese Verbände nicht mehr. Zumal du mir ja versprochen hast, noch einmal Klavier für mich zu spielen.“

Mit einer sanften Handbewegung streifte sie die Verbände ab, die meine Brandwunden bedeckten. Und darunter blieb nicht einmal die kleinste Spur des Feuers zurück.

Wir sahen einander in die Augen. Und jeder von uns sah darin das Licht - ein Licht, das niemals zulassen wird, dass die Finsternis siegt. Denn Finsternis ist lediglich die Abwesenheit von Licht. Und solange wir existieren, werden wir das Licht in uns tragen, das die Dunkelheit vertreibt.

Dieses Licht hat uns zueinander geführt, hat uns das Leben geschenkt, und wir haben es geschafft, aus ihm die Liebe zu weben.

***

Irgendwo ganz in der Nähe, am Ufer des Sees, saß ein alter Mann auf einer Bank. Er hielt eine Schatulle in den Händen, in der zwei Medaillons lagen. Er schloss sie, stand auf, und seine sich entfernende Gestalt verwandelte sich zuerst in Licht und dann löste sich im Glanz der Abendlichtern auf.

***

Vielleicht zeigt Euer Kind einmal am späten Abend, beim Spaziergang an der Alster, auf eine junge Frau und sagt: „Mama, ich kenne diese Frau, die dort neben dem Mann auf der Bank sitzt. Sie kam zu mir, als ich krank war...!“

Widersprecht ihm nicht, denn aus seinem Munde spricht bekanntlich die Wahrheit. Und auch wenn Ihr sie nicht einmal sehen können, sollten Sie jedoch wissen: sie wird an der Seite desjenigen sein, dessen Liebe sie einmal zurück in diese Welt geholt hat.

***

Ob man dieser alten Legende glaubt oder nicht, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, daran zu denken, dass jeder von uns ein Stück seines eigenen Lichts in sich trägt. Möge es niemals erlöschen - denn, nimmt man einmal die Dunkelheit hin, kehrt man möglicherweise niemals mehr zum Licht zurück.

Tragt euer Licht zu anderen, und es wird so hell leuchten, dass es jede Dunkelheit um euch herum vertreibt!

***

Sie kam in diese Welt, um ihr Licht in sie hineinzutragen. Eine Frau, die die Finsternis zu besiegen konnte! Der Geist der Alster - ist ihr Name.


® Autor: Anatoliy Kavun
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